6. Gern such ich den Stein de Weisen
Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Integrale Philosophie

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MINNESANG EINES SCHMIEDES

Das kleine Lied
beschämt unsre Bücherweisheit.
Entspränge es aber erlösterem Sinn
und sprudelnder ohne das Sinnen?

Willst du über die Straßen ziehn
ein fahrender Sänger
vergiss das Schwert nicht desselben Geistes
zwischen Hochöfen selbst gehämmert.

Aus Schmiedehitze kommend
widerstehst du besser der Sommersonne
und atmest mit größerem Dank
unter freiem Himmel.

Ohne das Handwerk kein Ritterschlag
und ohne die Waffe zur Rechten
verstummt dein Minnesang ungehört
unter Formelwortgeklirre -
zerschlagen die Bücher wie Aktendeckel
dein kleines Lied.

                                   (1971)

 

 

 

WORTE

Was helfen aber Worte?
Wo finden sie wendige
wenn es not tut?
Was wenden in Not
die gefundenen
vielmehr zugefallenen
frage ich mich.

Wohin mit dem Überfluss
des Gesagten
und wieder
des Ungesagten?

Wenigstens Hilferufe gegen
plötzliches Überfluten
sage ich mir

und dir.

               (1971)

 

 

 

SUMMA

Antworten
wo gefragt
aufhören
wo gerufen

Öfters nach Fragen
nachfragen
manchmal rufen
nach Anruf und

Wieder auf Antwort
hinschweigen
warten
auf Anspruch verantwortlich
Antwort suchen

ist alles:
sich verantworten -
alles Weitere ist
Willkür ist
weiteres Übel. 

           (1973)

 

 

 

AUF DEN SCHIENEN

Auf Schienen zwischen den Städten
Frankfurt – Paris
wo ich lebe zur Zeit
auf den Schienen
pflücke ich Blumen für dich
einen Strauß frischer Gedanken.

Das vom Erleben Geschnittene welkt
bis zu dem anderen Bahnhof.
Was zu sagen ist
fällt durch die Gitter
die Asche von Lebendem fällt
durch die Tageslichtwelt.

Bekanntlich muss man schweigen
worüber man nicht sprechen kann.
Es sei denn
du kommst mir entgegen
mit deinen Ohren mit deinen Augen
und frischem Wasser.

                      (1977)

 

 

 

DIALOG KIERKEGAARD-HEGEL
(oder Dialektik der Endlichkeit)

Entweder oder.
          Sowohl als auch.

Entweder sowohl als auch – oder entweder oder.
          Sowohl entweder oder als auch sowohl als auch.

Entweder sowohl entweder oder als auch sowohl als auch -
oder entweder sowohl als auch als auch oder entweder oder.
          Sowohl entweder sowohl als auch oder entweder oder -
          als auch sowohl entweder oder als auch sowohl als auch.

Entweder sowohl als auch – oder sowohl als auch.
          Sowohl entweder oder – als auch entweder oder.

(1979)

 

 

 

HOFFNUNG

Hoffnung ist Wohnung im Vorlaufen:
Jetztschon im Nochnicht
Geborgenheit im Unterwegssein
Häuslichkeit von Nomaden.

Ihre Worte:
das Zelt
das wir abendlich aufschlagen
unter offenem Himmel.

(1979)

 

 

 

EROTIK DER SPRACHTHEORIE

Die Wortarten werden Geschwister
und sichtbar wird im Wunderbauwerk Sprache
aller Erscheinungen inzestuöse
Bluts- und Geistesverwandtschaft.
Am prickelndsten aber spielen die Tropen
in glanzvollen Obergeschossen
mit tausend Masken Spiegeln
Gleichnissen Rhythmen
tanzen erotisch nächtlich
enthüllt wie Gott sie geschaffen
treiben von Reflexionsscham enthemmt
die steilsten Wendungen Stellungen
unser aller täglichen Sprache
lustvoll im Halbdunkel stöhnend
im Dunkel des Unbewussten.
O Lust des versteckten Beobachters
o dauergeile Schaulust der Theoria.

                           (1980/2012)

 

 

 

IM SCHWALBENNEST

Unser stundenlanges
Reden und Singen –
wovon eigentlich?
Wovon eigentlich
zwitschern die Schwalben?

Ihr Freiheitsspiel
mitsammen
in Klarheit Duft Weite
lustig über dem Bodenbereich
der Wölfe und Burgen...

Eine Rast
stärkend für die unterwegs
unterwegs immer nach Hause
Zugvogelrast
im Schwalbennest.

              (1980)

 

 

 

RELECTURE

Relecture von Texten
mit deinen Augen.
Ich nannte ihn Ich
der sie schrieb.

Sie haben den Sinn
und geben ihn her?
Veraltet sind sie
wie der Wein lange wird?

In Freiheit setzt du mich voraus:
damals litt lebte liebte ich schon
las die Trauben und kelterte
lange vor dir und für dich.

Ein reicher Jahrgang sammelt
die Sonne die Schatten von Jahren.
Spätlese mischt sich frei
mit den Erstlingsfrüchten.

                      (1980)

 

 

 

STEIN DER WEISEN

Gern such ich
den Stein der Weisen
im Gleiten über die Schienen
Allein ich bin
zu dumm wie zu klug
für euren Kies.

Ein bescheidenes Wort
muss genügen.
Ab und zu
singt es
sein Lied
das Zigeunerkind

           (1980)

 

                  Vertont von Robert Spatny (Potsdam 2007)

 

CAPELLA SISTINA

Verwandte Klänge gesehen
mit offenem Mund
rücklings sich wiedergefunden
im Staunen
vor Menschheitsgeschichte
in Michelangelos springendem Spiegel

im Freiheitswagnis
einzeln und ganz
wovor die Inspiration des Urgenies
zu scherzen fast aufhört
und selber zittert und
auch nicht fertig wird
darin endlich wie wir
wie du oder ich.

(1981)

 

 

 

AUF DIE FRAGEN DES WELTWEISEN

 

Was kann ich wissen?
Nichts -
aber aus Gründen
wohlstrukturiert.

Was soll ich tun?
Wagen -
Sinn macht es stets
oder Unsinn.

Was darf ich hoffen?
Alles -
und ohne Gründe
außer dem all-einen Wunder.

Was ist der Mensch?
Du -
mir schmerzhaft unbekannt
aber göttlich.

Folglich Lichter anzünden
falsche Abgründe
ausleuchten um
die wahren zu ehren.

Folglich profilieren
mein Freiheitswesen
aber vor Gott
mit den Mensch-Abgründen

Folglich Mut finden:
Mut zu geben
zum Handeln wie Leiden
wenngleich unter Rätseln.

Folglich Güte proben
mit Dir
und zeugen in Lust
viel Frieden.

Bis zum irren Tanz der Wahrheit
"dem bacchantischen Taumel
an dem kein Glied nicht trunken ist"
wie ein anderer Weltweiser meint.

                                               (1984)

 

 

 

FÜGUNG

Wie wählen
wie wissen?
Gewähltwerden entscheidet
auch nicht allein.

Entscheidend wäre
Fügen unseres Freiseins
in Fügung hinein
wenn dass es sie gibt
sich fügt. 

           (1984)

 

 

 

BEI ANKUNFT MEINER ENZYKLOPÄDIE

Wissen der Welt
der Jahrhunderttausende unermessliche
Tagundnachtaufregung
in dreißig Bänden gebündelt
wie Liebe und Schicksal in artigen Liedchen.
Geträllert sei's und reingezogen
was Menschheit wob und wog
ins Regal die verdichteten Blutkonserven
ledergebunden auf feinem Industriezeitpapyrus.

Wissen vom Wissen
sprachsprengendes Staunen unergründliches
Spiegelsein von allem und allen
wie das Gesicht des Greisen im Glas
wie irrsinnig immer noch suchend
etwas wie Sinn der Sinne
den Blick der versunkenen Augenblicke
das Gefühl der Gefühle
den unentwegten Ausweg der Menschenwege –

wie ein Knabe hältst du auf gleichmäßig ruhigen
Seiten mit Zeichen von Zeichen
von Fleiß über Fleiß
Belehrung munter erwartend
was war ist lohnt bleibt
vom schon dir offenen Rätselspiel
vom immer noch höheren Brausen der Pracht
vom stets unerschöpfteren Wimmeln und Wimmern –

was bleibet aber
und nicht nur gestiftet von Dichtern?
Nimm und lies und folge
blutvoll dem Fluss deiner Fragen.

                                                (1985)

 

 

 

TERRY

Als die Freundin dich brachte
sprangst du mich freundlich an
wie immer Vorschuss gebend
so deinem neuen Zuhause.
Ich meinte du müsstest gebürstet werden
und dann begannen wir
voneinander zu lernen.

Du lerntest von mir Stadtleben
unter viel Artgenossen fremden Gerüchen
Treppen Straßen Gefahren
verschlangst alles Neue verwundert
zu Vertrautem hurtig verwandelnd
mit deiner spielenden Neugier
nichts Lebendiges blieb dir fremd
glückgierig harmoniebedacht
gehorsam bis auf Ausnahmen:
Vorbehalt für Freiheitsinstinkt und
besondere Würde des Tieres.

Ich lernte von dir was Lebendigsein ist
Antrieb Lust Blitzentscheidung
die mühelose Bewegung
Ausdruck in ganzer Körperlänge
nicht nach Menschenart kokettierend
einfach das seidenwollige
zärtlichkeitssüchtige Fell.

Lernte wie Freundlichkeit aussieht
zu jeglichem Mensch und Tier
(bis auf Jagdwild und Aggressoren)
von Enttäuschungen unverdrossen
lernte wie Freude sichtbar wird
schwanzwedelnd körpergesprächig
zwischendurch Freuen aufs Freuen und
wie jeder Spaziergang erregt.

Lernte wie selbstverständlich unter Lebendigen
täglich Versöhnung Vergessen
über ein bisschen Gaunern und Groll
und wie selbst Knurren oft Liebesspiel ist.

Wir begannen einander zu lieben
verlässlicher als zwischen Menschen.
Morgens viertelnachsieben wartetest du
mit dem unerschöpfbaren Freudentanz
zum Tageserkundungslauf auf.
Ich begrüßte weniger zögernd den Morgen
weil deine frische Leidenschaft mitlief
die medi-tierenden Stadtgartenrunden
und reiste nicht mehr gern fort
ohne unsere Freundin und dich
ohne die liebe Menschtierfamilie
in der es im Terry-Rhythmus pulsierte.

Ich lernte noch gestern von dir
als unsre Lektionen dir schon geläufig
als ein bisschen Ungehorsam dir angebracht schien
als das Jagdfieber dich überfiel
mitten zwischen dem untierisch
eisernen Raubwild der Städte
unbemerkt von der Freundin und mir
bis du vor unseren Füßen lagst
unter dem Tod statt Rettung bringenden Blaulicht
das lebendigste Leben
tot.

Aus der Trauer uns windend
wollen wir immer noch mit dir lernen
wie Leben weitergeht
wie Liebsein sich zeigt
dich verinnernd
deiner gedenken
wie du gern bei uns warst
in der Jugend unsrer Gemeinschaft
der ewigen Jagensgründe vielleicht
nicht so vergessen wie wir.

                                          (1985)

 

 

 

UNTERHALTUNG MIT FEUER

Wir unterhalten das Feuer.
Es unterhält uns
bewegt wie Leben pur
überraschungsreich.

Ungeahnte Wirkungen
aus kaum ahnbaren Ursachen
bedeutsam alles Gedankenflackern
am erwärmenden Drama.

Verwandlung von Masse in Energie
lange vor Einstein.
Der Stein seinerseits rührt
sich nicht sichtlich
erinnernd andere Feuergewalten

aber erwärmen lässt er sich doch
vom züngelnden Spiel
vielleicht mit zum Staunen bewegen
worüber auch immer wir
du und ich und das Feuer
uns sonst unterhalten. 

                      (1989)

 

 

 

AUF BARLACHS BETTLERIN

                                                  Für Otto und Ursula Schöpel

Ganz Erde werden
um den Himmel zu fassen

ganz Schale sein
und sie ist dir schon gefüllt

ganz annehmen deine Armut
und aller Reichtum hüllt sich in ihren Mantel

ganz Demut geworden
unter solche sich beugen die haben

und ob sie dir Brocken zum Leben hinwerfen oder nicht
vor lauter Sehnen tauchen ins fließende Leben
der Gottheit
die ist.

(1990)

 

 

 

TAROT-KARTEN

Gute Karten zieh dir
für Wohnung und Wege
aus den alten Zigeunerzeichen
zieh dir das alltäglich
nächtliche Sternenglück

Glück für die Kunst
die Lebenskunst
Freundesblumen und Blumenfreunde
Frieden im Kampf
mit Himmel und Erde
mit dir

und du lernst durch die Jahre
alle Karten sind anders gut

(1990)

 

 

 

AUF UNSERE HÜNDIN SHAKTI

Neujahr vor vierzehn Jahren
Da hattest du uns gefunden
mit ganz entschiedenem Wohllaut
mit unwiderstehlichem Ja.
Nie mehr wolltest du von uns lassen
bis heute nimmer und nie
bei allem Wechsel
bis wir dich heute lassen mussten
in die sehr geheimen Jagdgründe
über deinen erregten Träumen.

Quengel-Liese warst du zuletzt
und Humpelstielzchen
aber Zank-Liese immer
aus ungezügelter Leidenschaft
zwischen Ernst Scherz und Witz
und Autofan sondergleichen.
Bis du nichts mehr beißen konntest
außer vor Schmerz deinen besten Freund
vor Wut dass er dich nicht zu schützen wusste
vor dieser Schwangerschaft mit dem Tod.

Aber hübsch bis zuletzt
mit deinen Kölner-Dom-Öhrchen
die allen zeigten was volles Aufmerken ist
bis zur betäubenden Spritze
bis zum Erliegen.
Du schütztest unser Zusammensein
genau vom Tag an deiner Geburt.
Wer schützt es von heute an
mit solcher unverbrüchlichen
tierischen Liebe?

                                      (2010)