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Sprachtheorie für den Computer

Eindimensionale Semantik oder mehrdimensionale Semiotik ?

Eine sprachtheoretische Skizze anläßlich M.Th. Rollands Buch "Sprachverarbeitung durch Logotechnik" ISKO Journal

Knowledge Organization 23 (1996), No.3, p. 147-156.

Vorbemerkung: Die Abschnitte 1 u. 2 haben in diesem Zusammenhang bloß kritischen und einleitenden Charakter. Die konstruktive Aussage und Skizze wird in Abschnitt 3 geliefert.

1. Grundzüge der Untersuchung

Für die verschiedenen Arten der maschinellen Sprachverarbeitung - besonders für den natür- lichsprachlichen Dialog Mensch-Computer - fehlt trotz intensiver Forschungen bisher ein ak- zeptiertes Modell, mit dem die Charakteristika einer vorgegebenen Sprache beschrieben werden können. Diese Feststellung gilt um so mehr für das Ziel von Übersetzungen zwischen verschiedenen Sprachen. Die großangelegte Untersuchung von Maria Theresia Rolland möchte zur Lösung dieser Aufgabe zumindest für das Deutsche, indirekt aber auch für andere Spra- chen, einen Beitrag leisten, nein, den entscheidenden Durchbruch liefern. Und zwar durch ein rein semantikorientiertes, näherhin ausschließlich am Wortinhalt orientiertes Vorgehen, das dennoch das Ganze der Sprache erfassen will. Rolland stellt sich auf den Boden der Sprachinhaltsforschung des Bonner Sprachwissenschaftlers Leo Weisgerber, der sich seinerseits in der Nachfolge Wilhelm von Humboldts sah: Der Mensch hat seine Welt allein in der und durch die weltbildgestaltende Sprache, die wesentlich durch die "innere Form" der einzelnen Muttersprache geprägt sei. "Wie die folgenden Ausführungen zeigen, ist es auf der Basis der von Weisgerber (1962a: 13 ff.) geforderten inhaltsbezogenen Betrachtungsweise, bei der also direkt an der Semantik der Sprache angesetzt wird, gelungen, die Regeln und Ge- setzmäßigkeiten zu erkennen und die Grundlagen explizit zu machen, auf denen die Struktur der deutschen Sprache beruht. Darüber hinaus gelten die Prinzipien offensichtlich für den Aufbau jeder Sprache, die sich aber natürlich jeweils anders, und zwar sprachspezifisch kon- kretisieren, da in jeder Sprache ein eigener Zugriff auf die Welt erfolgt"(41). Unbeschadet jener "Prinzipien" des Sprachaufbaus lehnt die Autorin so etwas wie universelle Sprachstrukturen (sprachliche Universalien), gar eine Universalgrammatik, mehrfach vehement ab (10, 20 f., 31, 257, 551 f.).

Der erste Teil des für das Buch zentralen Kapitels "III. Logotechnik" (39-345)) - nach den Einleitungskapiteln "I. Forschungsgegenstand" und "II. Standpunkte", bei denen jedoch auf nichts Grundlegenderes als auf die Valenztheorie des Verbums und die Kasustheorie ein- gegangen wird - befaßt sich mit den Wortarten und Satzgliedern (111.1-4). Die Grundregeln, nach denen die Semantik der alles bestimmenden sprachlichen Inhaltsträger, der Wörter, funktioniert, sind nach Rolland entscheidend in den Wortarten festgelegt und damit zahlen- mäßig endlich und überschaubar. Es handelt sich um die sechs Wortarten Verb, Substantiv, Adjektiv, Adverb, Präposition und Konjunktion. Jede Wortart habe ihre Art von Flexion, eine auch den Grammatiker überraschende Feststellung: Bei Präpositionen sei ihre "Flexion" der Kasus des regierten Substantivs, bei Konjunktionen die Flexion des bedingten, verbalen oder nominalen Satzglieds. Für die Flexion der Adverbien wird die Komparation der sogenannten Adjektivadverbien, aber auch einiger ursprünglicher Adverben (z.B. ‘gern, lieber, am liebsten‘) namhaft gemacht (101.173).

Zugleich mit der Wortart eines Wortes sind seine Möglichkeiten gegeben, im Satz in be- stimmter Weise als Satzglied zu fungieren. Es werden ebenfalls sechs Satzglieder unter- schieden: Prädikat, Subjekt, Objekt, Umstandsbestimmung, Attribut, Konjunktional- bestimmung, die sich nicht mit dem Wortarten decken, diesen aber - nicht nach einem erkennbaren Prinzip, aber von der Autorin nach eindeutigem Schiedsspruch zugeordnet werden (Übersicht 5. 343). Zwei Wortarten können nur jeweils ein ihnen einzig entsprechendes Satzglied fungieren: Verben als Prädikate, Adjektive als Attribute. Dagegen können die anderen Wortarten mehrere Satzgliedfunktionen erfüllen.

Der Rest des Hauptkapitels "Logotechnik" ist dem Aufbau des Wortinhalts gewidmet (III, 5 - 11), was dann zur Struktur der Syntagmen und Sätze führt (III, 12-13). Die Absicht der Autorin in diesem zweiten Teil des Kapitels, wird in folgenden, nicht allein wegen der Konzentration auch dem Leser des Ganzen schwer nachvollziehbaren Sätzen zusammengefaßt:

"Innerhalb der Gesetzmäßigkeiten der jeweiligen Wortart realisiert sich der Wortinhalt. Der Wortinhalt ist eine Ganzheit aus speziellem Inhalt, der nur diesem einen Wort eignet, und dem generellen Inhalt, aufgegliedert in 2 generelle Züge, die das Wort mit anderen Worten der Wortart teilt. Zugang zum Wortinhalt erhält man durch das Implikat, d.h. durch die Struktur der Umgebung des Ausgangswortes, das den im Wortinhalt enthaltenen komplexen Inhalt wi- derspiegelt. Zu unterscheiden sind, den beiden Teilinhalten gemäß, die beiden Teilimplikate: Komplement und Supplement. Das Komplement als Pendant zum speziellen Inhalt ist in den Strukturkonstellationen der abhängigen Einleitewörter und Prädikate sowie den Substantiv- und Adverbkonnexionen greifbar. Das Supplement als Entsprechung zum generellen Inhalt läßt sich gemäß der flexionsmäßigen (1. genereller Zug) und der konstruktionsmäßigen (2. genereller Zug) Ausrichtung des Ausgangswortes in Flexionsgruppen und Konstruktions- gruppen feststellen"(343).

Weiter werden die Wörter nach "Übereinstimmung in Teilzügen des Komplements" bzw. "Übereinstimmung in den Flexionsgruppen" zu Wortklassen sortiert. Im ganzen soll nach- gewiesen sein, daß jedes Wort einen eigenständigen Bauplan in sich hat (impliziert), nach dessen Regeln und Grundsätzen es sich in Sätzen bzw. Syntagmen verwirklicht. Verben bedingen oder implizieren Satzbaupläne, die Wörter der anderen Wortarten Syntagmen- baupläne.

Was herauskommen kann aus diesem Wundergebilde an Symmetrie von Ordnungsbe- ziehungen zwischen den Wortinhalten ist - etwas banal und vielleicht nicht ganz im Sinne der Autorin ausgedrückt - ein vollkommenes semantisches Lexikon der deutschen Sprache, das alle möglichen Verwendungsmöglichkeiten eines Wortes gespeichert hat und somit zur "Wissensabfrage" nach allen möglichen in deutscher Sprache gespeicherten Informationen in der Lage ist. Die Autorin spricht von der "Erstellung eines vollautomatischen natürlich- sprachlichen Dialogsystems"(552). "Damit erweist sich das Durchschauen der Sprachstruktur als Grundlage für Problemlösungen in den verschiedensten Gebieten: vom praktischen Bereich der Computerwissenschaften über das Verstehen und Handhaben der Sprache als solcher bis hin zum theoretischen Bereich des Denkens"(556).

2. Immanente Kritik

Die Autorin hat es nicht versäumt, ihre ihr epochal erscheinende Leistung selbst zu rezen- sieren, ja marketingmäßig anzupreisen, so daß schon deshalb hier eher bedachtsame Töne angebracht sind. Es sei vorweg zugestanden, daß ein ausgearbeitetes semantisches Lexikon der deutschen Sprache, in denen nicht bloß einige, womöglich redensartliche Verwen- dungsweisen eines Wortes angegeben werden wie in bisherigen (vor allem zweisprachigen Lexika), sondern grundsätzlich die möglichen Verwendungsweisen der Wörter, insbesondere der Verben, eine durchaus sinnvolle und hilfreiche Sache sein könnte. Es liegt nicht in meiner Kompetenz und meinem Interesse, Arbeitsaufwand unter Verwendung öffentlicher Gelder im Verhältnis zum möglichen Nutzen (und im Vergleich zu englischsprachigen Datenbasen) abzuschätzen.

Wieweit eine solche zunächst praktisch wertvolle Datenbasis der Semantik der deutschen Sprache jedoch genügend dogmenfrei wäre und wieweit sie etwas mit der Erkenntnis der eigentümlichen Sprachstruktur zu tun hätte sowie mit an solche anspruchsvolle Struktur- erkenntnis gebundenen Leistungen (wie zum Beispiel Übersetzung, Sprachenvergleich, Stil- analysen usw.), ist eine ganz andere Frage. Die Infragestellung soll zunächst vom Boden einer immanenten Kritik erfolgen, d.h. die Ansprüche der Verfasserin sollen an ihrem eigenen Maß- stäben, vor allem an dem der immanenten Nichtwidersprüchlichkeit, Fundiertheit und inter- subjektiven Verständlichkeit gemessen werden. Erst danach soll ein umfassenderes, kohä- renteres und - soweit ich erkennen kann - widerspruchsfreies Konzept von Sprachtheorie ins Spiel gebracht werden. Es sei jedoch betont, daß die folgende immanente Kritik vollkommen unabhängig von jenem anderen Konzept ist. Der Akzent bei allem liegt zunächst auf dem der Sprachtheorie als solcher, nur ausblickhaft auf dem Problem der dementsprechenden Computerprogrammierung und dem Nutzen einer "maschinellen" Sprachverarbeitung.

a) Widerspruch zwischen raffiniertem Begriffssystem und mangelnden Begriffsdefinitionen

Dem Leser dieses Artikels wird das obige lnage Zitat von S. 343 gehaltvoll klingend, jedoch unverständlich vorgekommen sein. Der Rezensent gesteht freimütig, daß ihm nach intensiven Verständnisversuchen fast das gesamte Begriffssystem des Buches unverständlich geblieben ist. Dies zum einen deshalb, weil die Begriffe so gut wie nicht definiert werden. Sie werden hinweisend-suggestiv in den Gedankengang eingeführt, so daß der Eindruck entsteht, sie haben etwas Bestimmtes zu sagen. Doch eben diese Bestimmtheit fehlt. Was heißt "Impli- kat", unterschieden nach "speziellem Inhalt" und "generellem Inhalt", was heißen "Komple- ment" und "Supplement"? Man sollte annehmen, das umfangreiche Glossar am Schluß des Buches helfe dem Verzagenden hier weiter. Machen wir die Probe. "Komplement: der Teil des Implikats, mit dessen Hilfe der spezielle Inhalt bestimmt werden kann" (575). Also sind wir auf den speziellen Inhalt verwiesen. "Inhalt: die geistige Seite des Sprachmittels"(574). Immerhin ein ungefähre Auskunft, wenn auch eine fragwürdige, weil das Handlungsmäßige am "Sprach- mittel", seine Handlungsintention, ebenso "geistig" sein kann wie der Inhalt. Die häufige Übersetzung von "Inhalt" mit "Geistigen" ist nicht nur hausbacken-altmodisch, sondern einseitig-falsch. Ich werde später auf die ebenso "geistige" pramatisch-handlungsmäßige Komponente der Sprechakte eingehen. Doch weiter zu "speziellem Inhalt: ein Teilinhalt, der das Eigenständige im Wortinhalt meint"(583). Eigenständig wohl gegenüber dem "generellem Inhalt: den Teilinhalt, den das Wort mit Wörtern der gleichen Wortart teilt"(573). Soviel konnte man sich denken. Ist damit aber nun eine begriffliche Klärung von "Komplement" in Sicht? Und seine Abgrenzung gegen "Supplement: Teil des Implikats, mit dessen Hilfe die Bestimmung des generellen Inhalts möglich ist"(584). Fragen wir nach der Begriffsbestimmung des so wichtigen Begriffs "Implikat", so lautet die Antwort: "die Struktur, die dem von einem Aus- gangswort aus aufweisbaren Sprachgut zugrunde liegt; s.a. Komplement, Supplement"(574). Hier dreht sich alles im Kreise, und der Verdacht entsteht, es handele sich um circuli vitiosi. Wenn sich dieser Verdacht an einzelnen, deutlich faßbaren Beispielen und klarer werdenden bzw. vorgeprägten Begriffen erhärtet, dann sind die ganzen Einteilungen von manchmal er- staunlicher Symmetrie als Häuser aus selbstgefertigten Spielkarten zu werten, nicht als wirkliche Erkenntnisse über die Sprachstrukturen. Als Beispiel für einen deutlichen Zirkel greife ich die Definitionen von Substantiv und entsprechendem Satzglied sowie von Adjektiv und Attribut heraus. Mit diesen Beispielen treten wir zugleich auf eine konkretere Ebene der sprachlichen Erscheinungen als mit jenen Konstrukt-Begriffen.

b) Widerspruch von reinem Semantik-Anspruch und syntaktischer Bestimmung der Wortarten

Wäre des Bisherige u.U. noch als formale Kritik aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen von begrifflicher und definitorischer Klarheit abzutun, so kommen wir nun zu einem inhaltlich tra- genden Fundament des ganzen Begriffssystems. Die Worte gehören Wortarten an. Wie aber werden Wortarten definiert? "Das entscheidende einheitliche Kriterium für die Gliederung der Wortarten untereinander ist demnach die Funktion, die die Wörter einer Wortart im Satz als Satzglied ausüben"(56). Dann heißt es mit vollendeter Zirkelhaftigkeit etwa: "Das Charak- teristische der Substantive ist es, als direktes Satzglied fungieren zu können, und zwar als direktes Subjekt, direktes Objekt, direkte Umstandsbestimmung. Der Terminus direkt heißt: von einem Substantiv gebildet... "(83).

Ebenso zirkulär wird das Adjektiv vom Attribut sowie das Attribut vom Adjektiv her definiert: "Das Charakteristische der Wortart Adjektiv ist es, im Satz als spezielles Satzglied, nämlich als Attribut fungieren zu können" (94). Damit hat die Verfasserin schon per definitionem (falsam) das Adjektiv in der Rolle des prädikativen Adjektivs oder Prädikatsnomens zum Nicht-Adjektiv erklärt. Es soll, weil es im Deutschen (im Unterschied zum Lateinischen) nicht dekliniert wird, ein "Adverb" sein, was Ende der fünfziger Jahre schon der (von Rolland nicht genannte) Weisgerber-Schüler Hans Glinz (1959) meinte als der "inneren Form des Deut- schen" gemäß vertreten zu sollen. Die zirkuläre Bestimmung des Adjektiv von der Attribut- funktion her sowie des Attributs vom Adjektiv her (95) führt dann z.B. auch dazu, daß Genetiv-Attribute (‘das Buch des Lehrers‘) zu Genetivobjekten umgedeutet werden - weil dies in die hochsymmetrisch stilisierten Tabellen über Wortarten und Satzglieder besser hinein- paßt. - Offensichtlich falsch wird es, wenn Rolland das Prädikatsnomen in ‘schön sein‘ als angebliches Adverb mit dem lateinischen Adverb "pulchriter" (z.B. ‘pulchriter cantavit‘ - ‘er sang schön‘) parallelisiert (97) - um scheinbar damit die Behauptung zu stützen: "Im Satz ‘Das schöne Buch liegt auf den Tisch‘, handelt es sich um ein Adjektiv; im Satz: ‘Das Buch ist schön‘ um ein Adverb."

An diesem Beispiel zeigt sich eine ganze Reihe von Fehlern zugleich: die der Sprache Gewalt antuende Definition der Wortart Adjektiv, jedenfalls keine "semantische"; falsche Definition des Satzgliedes Attribut und ebenfalls keine semantische (in diesem Fall naturgemäß, weil Satz- glieder nur vom ganzen eines syntaktischen Satzkonzeptes aus definiert werden können); zirkulär-logikwidrige Bestimmung beider voneinander her; allgemein: die ungelöste Art der Definition von Wortarten durch ihre Funktion als Satzglieder. Wenn etwas als "syntaktisch" gelten kann, dann doch wohl die Definition und Funktion und der Satzglieder. Diese werden hier in ungeklärter Weise als Wortart-Implikate der angeblich "reinen" Semantik zugeschlagen. Wegen dieser ungeklärten Grundlagen erübrigt sich für uns das nähere Studium der zahl- reichen "schönen" tabellarischen Übersichten: Es sind Kartenhäuser mit verschiedener An- ordnung derselben erfundenen, nicht entdeckten Karten.

Es gibt gelegentliche Andeutungen, ja an später Stelle sogar eine Liste semantischer Wortart- Definitionen: Verben meinen einen "Prozeß", Substantive eine "Gegenstand", Adjektive einen "Zustand", Adverbien einen "Umstand", Präpositionen eine "Beziehung zu", Konjunktionen eine "Verbindung zwischen" (257). Diese - mehr oder weniger richtigen! - semantischen Wortart- Bestimmungen würden aber zu ganz anderen Folgerungen für die Wortart-Besetzung der Satzglieder führen, wie pars pro toto verdeutlicht wurde am Beispiel des prädikativen Adjektivs, genauer: des Prädikatsnomens. Denn gibt es auch das adjektivische, nicht adverbiale Attribut zum Prädikat: ‘Der Wald steht schwarz und schweiget‘ - was in Rollands Kartensystem nicht vorkommt und wie ein Adverb der Art und Weise behandelt würde: als stünde der Wald auf schwarze Art und Weise dar. Dieses Prädikatsattribut hört ebenso wie das Prädikatsnomen nicht auf, Adjektiv zu sein, weil es eine andere Satzgliedstellung als die eines Attributs zum Substantiv hat. Diese adjektivischen Satzglieder lassen sich leicht ineinander umwandeln, was gegen eine Verwandlung von einer Wortart in die andere durch Satzgliedstellung spricht. Die Feststellung oder der Ausruf ‘ein schöner Baum!‘ läßt sich ohne weiteres umwandeln in: ‘Dieser Baum ist schön!‘

Bei Rolland fehlt das Problembewußtsein für die Definitionen von Wortart und Satzglied. Folg- lich kann es darüber keinerlei andere Klarheit geben als willkürliche, zu tabellarischer Sym- metrie frisierte Festsetzungen. Die Unterteilung der Wortarten und "Wortarttypen" führt zu einer ungenießbaren Mischung semantischer und syntaktischer Gesichtspunkte.

Bei Klarheit darüber, was eine Wortart ist, und ihrer konsequent semantischen Definition, im Unterschied zu einer notwendig syntaktischen Satzglied-Definition, käme es z.B. auch nicht zu der Subsumtion der Artikel, Pronomina und Namen unter die Substantive unter sonder- lichen, einzig kartenhauskonformen Namen wie "Verlaufs-" und "Zustands"- und "Kopula"- Substantive, weil es dergleichen parallele Unterscheidungen angeblich bei den Verben, Ad- jektiven, ja bei allen sechs Wortarten geben soll. Hinter all diesen auch terminologischen Ungereimtheiten verbirgt sich das völlig verleugnete Problem von Semantik und Syntax, weil angeblich - mit Weisgeber - alles vom "Wortinhalt" und seinen Implikaten allein zu klären ist. So kommt es zu dem sonderlichen Phänomen, daß Rolland eine ganze deutsche Grammatik zu entwerfen sucht, ohne eine Syntax zu kennen - geschweige denn diese im Unterschied zur Semantik zu definieren. Werden beide Dimensionen aber nicht differenziert, ist dies sehr zum Schaden auch der Semantik selbst, welche die begriffliche Logik der Spracheinheiten (primär der Worte) darstellt. Das spezifisch Muttersprachliche umspielt diese Logik, ersetzt und zer- stört sie jedoch nicht.

c) Widerspruch von Ganzheitsanspruch und Verleugnung des "Pragmatischen"

Wenn man von einer Verleugnung und Verdrängung der syntaktischen Sprachdimension in diesem Buch sprechen muß, wie steht es mit der in den sechziger und siebziger Jahren ge- radezu dominierenden Sprachpragmatik, der Sprechakttheorie? Da im Sprachsystem alles nach Oppositionen zugehe, Oppositionen von unserer Autorin aber als Zweieroppositionen verstanden werden, reduziert sie die Fülle der Sprechakte auf Feststellungs- und Fragesätze (291 ff). Wo bleiben Ausruf, Wunsch, Selbstdarstellung, sogenanntes perlokutives Sprechen wie Versprechen oder gar rollenausführendes Sprechen (ernennen, taufen) usw.? Eine Sprach- theorie, die Ganzheitlichkeit - und das tut Rolland sehr nachdrücklich - beansprucht, kann auf die Einbeziehung der Sprachpragmatik nicht verzichten. Ein "Dialog" mit einem Sprach- computer, der die spezifisch interpersonalen Sprachfiguren - dazu gehören auch Drohen oder uneigentliches, verstellendes Reden wie Ironie - nicht versteht, ist von vornherein einseitig auf Datenbankfunktionen, also bloß informatives Sprechen, reduziert. Ein solcher Verzicht mag vielleicht am Anfang notwendig sein. Doch müßte man auf solche Einschränkung als eine bewußte hinweisen, dies um so mehr, wenn man sich auf die Energeia-Auffassung der Sprache bei Humboldt beruft, wie dies in dieser Untersuchung oft geschieht.

Wenn nämlich Humboldt betont, daß die Sprache kein fertiges ergon, sondern eine fort- wirkende energeia sei (41 f), dann liegt darin auch die Kantische Wende von den Objekten zu den transzendentalen, d.h. handlungsmäßigen Bedingungen der Möglichkeit für die Objek- tivierung (vgl. Heinrichs 1990). Auch wenn man Sprache in Sinne der langue, wie die Autorin mit Recht tut, als geistige Zwischenwelt, als mediale Wirklichkeit sieht, so ist die Konsti- tuierung dieser Zwischenwelt ebenso wie deren rezeptive Aktualisierung im Sprachgebrauch ein Tun: Handeln im weiten Sinn von Bewußtseinsvollzügen oder "Handlungen des Verstan- des" (Kant). Bei Humboldt ist vieles im ersten empirischen Unterscheiden der Sprachenvielfalt, anderseits zur theoretischen Seite hin im intuitiven Programm stehengeblieben und daher zum feiertäglich-unbestimmten Zitieren besonders geeignet. Seine Betonung des Energeia- Charakters der Sprache aber fordert zweifellos aus Kantischem Geist das Begreifen der Sprache als Handlungssystem heraus. Die Verkürzung auf Semantik als auf die objekti- vierende bzw. bereits objektivierte Dimension des Sprachbestandes widerspricht (wohl auch schon bei Weisgerber) dem Humboldtschen Energeia-Postulat. Leider haben allerdings die frühen Transzendentalphilosophen (die deutschen Idealisten) die Sprache selbst allesamt noch nicht zureichend handlungstheoretisch analysiert. Dazu fehlte hauptsächlich die Unter- scheidung der semiotischen Dimensionen.

Von diesem weiten Pragmatikbegriff im Sinne von "handlungstheoretisch" ist der engere im Sinne des interpersonalen Handelns durch Sprache zu unterscheiden. Denn nur in der inter- personalen Dimension wird die Sprache unmittelbar praktisch. Nochmals, diese Praxis läßt sich nicht auf die simple Opposition von Feststellungen und Fragen verkürzen. Man sollte dann zumindest nicht von "dialogfähigen" Sprachcomputern und Computerdialog sprechen. Eine solche Redeweise ist in mehrfachem Sinne nicht sprachbewußt, solange dieser eigentlich pragmatischen oder dialogischen Sprachdimension nicht Rechnung getragen wird.

Nur am Rande sei erwähnt, daß der metaphorischen, künstlerisch-metasprachlichen Sprach- verwendung (vgl. Heinrichs 1983), deren Vorstufe das Alltäglich-Sprachspielerische darstellt, von Rolland in keiner Weise Rechnung getragen wird, daß sie vielmehr apodiktische Korrekt- heitsregeln aufstellt - unter dem Titel "das ist möglich, das nicht", die beckmesserisch wirken. Z.B. soll möglich sein: ‘Sie haben sich stundenlang miteinander unterhaltenen‘, nicht aber: ‘Sie haben sich jahrelang miteinander unterhalten‘ (211). Ich finde ‘jahrelanges Unterhalten‘ viel interessanter. Meinetwegen setzt dergleichen die normale oder primäre Sprachverwendung voraus. Also müßten Ebenen differenziert, doch nicht Sprechverbote ausgesprochen werden. Sofern es denn dem Dialogpartner Computer erlaubt wird, dergleichen zu erlauben.

d) Widerspruch von spezifisch muttersprachlichem und logischem Semantik-Begriff

Der scheinbar selbstverständliche Begriff von "Semantik" erfährt bei Rolland keinerlei Klärung. Ist das Semantische der "geistige" Gehalt eines Wortes bzw. Syntagmas oder Satzes im Sinne des Logischen? Sie geht aus von einer "Einheit" oder "Ganzheit" von Laut und Gehalt, von Sinnlichem und Sinn, und tadelt mit Recht diejenigen, die (positivistisch oder behavioris- tisch) unmittelbar die Lautform mit der außersprachlichen Welt in Beziehung setzen wollen (51). Auf der anderen Seite betont sie das "Geistige" in Sinne des Logisch-Begrifflichen der- maßen, daß alle gleichlautenden Wörter, die nicht streng gleichbedeutend sind, einfach zu Homonymen erklärt werden: zu verschiedenen Wörtern, die zufällig gleich klingen.

"So gibt es u.a. viele Präpositionen aus:
Er ging aus dem Haus. (von welchem Ort?)
Er trans aus der Tasse. (woraus?)
Er stammt aus dem Ruhrgebiet. (woher?)
Er handelte aus Verzweiflung. (aus welchem Grund?)
Ein Buch aus dem vorigen Jahrhundert. (aus welcher Zeit?)
Ein Tisch aus Holz. (aus welchem Material?)
Ein Bild aus dem Nachlaß. (aus welchem Besitz?) usw."

Ein Logiker hat seine Freude daran, wie die Autorin hier die logisch verschiedenen Bedeu- tungen von ‘aus‘ umschreibt, die sie alle für Homonyme erklärt. Er muß allerdings zu beden- ken geben, daß sie meist das Wörtchen ‘aus‘ erneut zur Erklärung dieser verschiedenen Wörter benutzt, streng genommen zirkulär - worin wir ja schon ihre logische Lieblingsfigur erkannten. (Nicht zuletzt auch in dem dichten Netz von Vorverweisen auf Späteres und Rückverweisen auf Früheres im Gedankengang des Buches: Zur näheren Begründung wird stets auf Späteres verwiesen. Das Spätere gilt jedoch dann als im Früheren begründet.) Wenn Bedeutungen ‚‚ rein" logisch angeblich ganz verschieden sind, jedoch von der Sprache gleichlautend ausgedrückt werden, stellt das doch einen starken Hinweis darauf dar, daß die "Muttersprache" ein logisch weniger "reines" Analogiedenken pflegt, worin Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zugleich Platz haben. Richten wir uns nun nach einer rein logischen oder nach der sprachlichen Semantik des analogischen Denkens? "Muttersprachlich" wäre zweifellos das letztere. Die Anwältin der Muttersprache im Gefolge Weisgerbers tut hier offenbar gerade dieser Gewalt an, indem sie analoge, verwandte Bedeutungen mit gleichem Wortkörper einfach als homonym, als ganz andere Wörter, erklärt.

Hierin liegt eine völlige Inkonsequenz, gemessen am Postulat der "Einheit" oder "Ganzheit" von Laut und Gehalt! Solches Nichtzusammenbringen der eigenen Gedanken erweist sich als folgenreich, weil sich die Frage stellt: Wieweit ist Semantik als muttersprachlich gebundene Wortlehre, wieweit als übersprachlich-logische Begriffslehre zu verstehen? Wieweit ist es ei- gentlich her mit der angeblich völligen Sprachgebundenheit des Denkens? Transzendiert das Denken - auch wenn es sich zweifellos hauptsächlich sprachlich interpersonal äußert - nicht doch die sprachlichen Laut-Inhalt-Einheiten, sowohl im Wahrnehmen wie im fühlenden Selbst- wahrnehmen wie ihm eigentlichen Denken, vom Intuieren zu schweigen. Ist die eine Zeitlang modische Professorenthese von der völligen Sprachimmanenz des Denkens, von der soge- nannten "Unterhintergehbarkeit" der Sprache - oft mit Berufung auf Humboldt - nicht längst obsolet? Tat man der Sprache und ihrer Analyse eigentlich einen Gefallen, indem man sie zum Inbegriff alles Denkbaren macht bzw. zu machen vorgibt? Doch Rolland hält sich anderseits keineswegs an diese von ihr artikulierte Ideologie der Sprachimmanenz (53). Es ist am Ende in keiner Weise ersichtlich, was ihre Wissensabfrage per Computer-"Dialog" denn eigentlich mit dem Deutschen zu tun haben soll. Stellt diese "natürlichsprachliche" Wissensabfrage nicht bloß eine Erleichterung für diejenigen dar, die des Englischen nicht genügend mächtig sind? Auf jeden Fall ist ein Bewußtmachen spezifisch muttersprachlicher Welterfassung mit jener sich durch das Buch hindurchziehenden Homonymie-Wut unvereinbar.

e) Widerspruch von prinzipiellem Anspruch und unphilosophischer Ablehnung sprachlicher
Universalien

Dieses ungeklärte Verhältnis von Logisch-Begrifflichem und Muttersprachlichem im Semantik- Verständnis hängt eng mit der Frage einer Einheit in der Vielfalt der menschlichen Mutter- sprachen zusammen. Schon eingangs wurde auf Rollands Ablehnung von universalsprach- lichen Strukturen hingewiesen, aber auch auf den Anspruch, daß die "Prinzipien" dieser Art von Sprachtheorie "offensichtlich für den Aufbau jeder Sprache" gelten, "die sich aber natürlich jeweils anders, und zwar sprachspezifisch konkretisieren" (41). Aber natürlich! Was wäre denn mit sprachlichen Universalien anders gemeint als derartige Prinzipien? Wenn es der Autorin nicht gelingt, diese Prinzipien herauszustellen, hat sie damit noch nicht die logische Lizenz, sie im Widerspruch zu sich selbst als universalsprachliche zu leugnen. Was treibt sie - von ihrem positiven, muttersprachlichen Programm her unnötigerweise - in solchen Widerspruch hinein? Hier gibt es nur die Erklärung: Es ist die historische Abkoppelung der Sprachwis- senschaft, später der Linguistik, von der Philosophie. Hierzu wäre viel zu sagen. An dieser Stelle sei nur festgehalten: Es ist strikt unmöglich, eine "ganzheitliche" Sprachtheorie zu entwickeln, ohne philosophisch zu werden - eben weil Sprache das privilegierte Instrument menschlicher Weltbegegnung und menschlichen Denken darstellt, sofern diese sich inter- subjektiv artikulieren, mitteilen, und eben weil Sprache energeia ist, nicht fertiges ergon. Aus diesem Grunde muß sie handlungstheoretisch in ihren Grundstrukturen rekonstruiert werden. Deshalb muß Sprachtheorie in philosophischer Weise notwendig aufs Ganze von Sinn gehen. Denn Philosophie ist - in Anlehnung an Kant gesprochen - die aufs Ganze gehende "Kunst der Begriffe" oder auch die Wissenschaft vom Sinn. Das heißt auf der anderen Seite, daß "Philo- sophen" aus ihrem Elfenbeinturm herabsteigen, oder besser: daß diejenigen Philosophie- renden sich der Rekonstruktion der Sprache aus Bewußtseinsprinzipien annehmen, die es gar nicht erst in diesen berühmten Elfenbeinturm der "Hüter des Seins" hineinzieht, wo niemals ganzheitliches und zugleich konkretes Erkennen stattfindet. (Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Bedenken der sozialen Strukturen und mit dem Verhältnis der Philosophie zur Sozio- logie.)

3. Kritik vom Standpunkt einer reflexionstheoretischen Sprachtheorie der
semiotischen Dimensionen

Der Verfasser hat 1981 eine philosophische Sprachtheorie vorgelegt, als zweiten Teil einer "Reflexionstheoretischen Semiotik". Der erste Teil solcher philosophischen Semiotik oder "Sinnprozeßlehre" besteht in einer Handlungstheorie, d.h. in einer Semantik der menschlichen Handlungen gemäß ihrer jeweils konstitutiven Inten- tionalität. Die Sprache wird semiotisch, d.h. zeichentheoretisch, als Meta-Handeln verstanden, welches sich dadurch auszeichnet, daß es sich in eigenen syntaktischen Metazeichen im Handlungsvollzug selbst reguliert. Diese semiotische und zugleich philosophisch-ganzheitliche Sprachtheorie greift die Unterscheidung von semioti- schen Dimensionen auf, wie Charles Morris sie mit großem Nachhall getroffen hatte: die syntaktische, semantische und pragmatische Dimension der Sprache. Zugleich wird jedoch eine vierte Dimension mit dem einstigen DDR-Semiotiker und Philoso- phen Georg Klaus eine vierte Dimension hinzugefügt: die sigmatische, d.h. die Di- mension der Bezeichnung oder des Sachbezugs der Zeichen. Diese vier semiotischen Dimensionen der Sprache wurden von mir nach einem Prinzip, dem der gesteigerten, kumulativen Reflexivität in ihrer Reihenfolge und Beziehung einander zugeordnet und definitorisch präzisiert:

1. sigmatische oder Bezeichnungs-Dimension: ursprünglicher Bezug des Sprechers
auf Außersprachliches
2. semantische oder Bedeutung-Dimension: Bezug des Sprechers auf eine schon
etablierte (Dimension 1 voraussetzende) "Zwischenwelt" von Inhalten
3. pragmatische oder intersubjektive Handlungsdimension: Bezug von Sprechern
aufeinander mittels der Semantik
4. syntaktische oder Verbindungsdimension der Sprachzeichen, die alle vorherge-
henden Dimensionen voraussetzt und spiegelt

Es handelt sich im ganzen um nichts Geringeres, als daß das Prinzip des menschli- chen Selbstbewußtseins, die Selbstreflexivität, als grundlegendes Aufbauprinzip der Sprache erkannt und systematisch durchgeführt wird. Sprache ist das sich intersub- jektiv verlautbarende menschliche Selbstbewußtsein. Es versteht sich, daß die sprach- lichen Grundstrukturen ebenso universal sind wie die des allgemeinmenschlichen Selbstbewußtseins. Doch können sich diese universalsprachlichen Grundstrukturen nur kontingent, d.h. in konkreten Muttersprachen realisieren. Die Entgegensetzung von Muttersprachen und universalen, menschensprachlichen Strukturen wird als undialektisch-abstrakt und gedankenlos zurückgewiesen. (Daß die Menschen ver- schiedener Rassen die gleiche Anatomie haben, ist im Grunde erstaunlicher als die Tatsache, daß ihre Sprachen hinter der offenkundigen Verschiedenheit gleiche Prinzipien oder Grundstrukturen aufweisen.) Jede Muttersprache ist eine je verschie- dene, kontingente "Inkarnation" oder Abwandlung der universalsprachlichen Struk- turen. Es macht keine grundsätzlichen Schwierigkeiten, die universale, allgemein- menschliche und logisch-notwendige Ebene von der einzelsprachlich-kontingenten Ebene zu unterscheiden.

Alles kommt an auf die wechselseitige "Durchdringung" der vier (nach reflexions- theoretischer Einsicht nicht mehr und nicht weniger als vier) semiotischen Ebenen. Dazu dient die Methode der sogenannten dialektischen Subsumtion. Im Unterschied zur geläufigen formal-umfangslogischen Subsumtion des Einzelnen unter das Allge- meine bedeutet "dialektische Subsumtion": Unterordnung des Allgemeinen oder Ganzen unter die einzelnen Bestimmungen, so daß die einzelnen Bestimmungen oder Untergliederungen sich nach der Hauptdifferenzierung selbst wieder unter- gliedern - das in der Geistesgeschichte durchaus nicht unbekannte "harmonikale" und "holographische" Prinzip der Spiegelung des Ganzen in seinen einzelnen Bestim- mungen. Diese dialektische Subsumtion der Sprachdimensionen innerhalb jeder einzelnen von ihnen, unter zwar in mehrfacher Untergliederung, kann hier nur ganz schematisch und für einen einzigen Untergliederungsschritt angedeutet werden.

1. Sigmatische Dimension (Bezeichnungsdimension)
1.1 Sigmatische Sigmatik (Wahrnehmbarkeit des Zeichenträgers)
1.2 Semantische Sigmatik (Bedeutungsgeprägtheit des Zeichenträgers)
1.3. Pragmatische Sigmatik (Handlungseinbettung der Sprachzeichen)
1.4 Syntaktische Sigmatik (Systembestimmtheit der Sprachzeichen)

Unter 1.3 wird das bedeutsame Problem abgehandelt, das vor allem L. Wittgenstein beschäftigt hat, wenngleich er es mit anderen ‘‘pragmatischen‘‘ Fragestellungen unter dem unbestimmten Titel "Gebrauch" vermischte und verwechselte: Wie gewin- nen eigentlich die Sprachzeichen ursprünglich ihre Bedeutung als Referenz, also als Bezug zu Außersprachlichem oder jedenfalls, selbst wenn es im Grenzfall der selbst- referente Bezug auf Sprachliches selbst ist, zu etwas anderem Gemeintem? Die ver- schiedenen Arten solcher Referenzgewinnung (1.3.1. durch objektbezogene, 1.3.2 durch subjektbezogene, 1.3.3. durch sozialbezogene, 1.3.4 durch autoreferentielle Sprachspiele) können hier nicht näher erläutert werden. Es geht um das Verständnis des einheitlichen, jedoch alles andere als bloß schematisch-formalistischen Prinzips, das in der Sprache als einem entfalteten, dynamischen Handlungs-Reflexions-System, allenthalben herrscht.
Der semantischen Sprachdimension kommt hier, im Zusammenhang mit Rollands angeblich rein semantischem Entwurf, besondere Beachtung zu:

2. Die semantische Dimension
2.1 Sigmatische Semantik: Identifikatoren (Pronomen und Namen)
2.2 Semantische Semantik: Dekriptoren (Wortarten)
2.3 Pragmatische Semantik: logische Prädikationsarten
2.4 Syntaktische Semantik: zusammengesetzte Prädikation (Logik der Konjunktional-
sätze)

Der aufmerksame Leser wird an diesen Überschriften bereits die grundlegenden Unterschiede zu Rollands "Semantik" erkennen können. Es werden die Wortarten tatsächlich semantisch (ohne Anleihen bei einer verleugneten Syntax) eingeführt. Es ergeben sich durch logische Rekonstruktion des empirischen Tatbestandes - nicht durch bloß empirisches Aufsammeln - nach den im Wesen deiktischen (hinweisend- sigmatischen) Pronomina und Namen die vier eigentlich "deskriptiven" Wortarten mit eigener Semantik: Substantive, Adjektive, Verben und Situatoren (mit den Unterarten Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen).

Die Arten der Prädikation (2.3) als semantischer Synthese von Wortinhalten bilden ein rein logisches Problem, identisch mit dem der Kantischen Kategorienlehre (Heinrichs 1986). Die syntaktische Semantik (2.4), nämlich die logischen Verbindungsmöglich- keiten dieser Prädikationsarten, die Logik der Konjunktionalsätze, deckt sich mit der Thematik der modernen Logik der Junktoren (ebd.). Das alles hat mit der spezifisch sprachlichen und muttersprachlichen Syntax "nur" soviel zu tun, daß es deren allgemein logische Grundlagen ausmacht. Allerdings führt die weitere Unterglie- derung der einzelnen Wortarten in die Sichtung des muttersprachlichen Wortbe- standes. In sprachvergleichender Betrachtung würden sich gerade aufgrund eines derartigen allgemeinen Vergleichsrasters erhebliche "weltbildliche" Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen ausmachen lassen. Gehen wir um des Verhält- nisses von Semantik und Syntax willen gleich zur syntaktischen Dimension über, indem wir die pragmatische (3.) zunächst überspringen:

4. Die syntaktische Dimension
4.1 Sigmatische Syntax: Grundlagen der Formenlehre
4.2 Semantische Syntax: Grundlagen der Satzlehre
4.3 Pragmatische Syntax: Grundlagen der Textpragmatik
4.4 Syntaktische Syntax: Stilistik (Stilfiguren)

Die semantische Syntax mit den Grundlagen der Satzlehre enthält zwar nochmals eine logisch-universalsprachliche Systematik von Satzgliedern. Wie diese Logik aber einzelsprachlich realisiert wird, ist äußerst offen. So gibt es etwa in den (syntaktisch ausformulierten) Sätzen jeder Sprache einen Subjekt-Prädikatskern, ferner die Vierfachheit der primären Satzglieder: Objekte, adverbiale Angaben, Gleichset- zungsglieder und Modifikatoren. Wie jedoch einzelsprachlich diese Möglichkeiten einer logischen Syntax realisiert werden (durch Flexion und Kongruenz der Satz- glieder, durch Wortstellungsregeln usw.) ist damit nicht ausgemacht. Dies läßt sich nur einzelsprachlich bzw. nach empirischen Sprachtypen beschreiben. Umgekehrt aber läßt sich eine muttersprachliche Syntax ohne Rückgang auf die universal- sprachliche niemals befriedigend entwerfen!

Mit dem Aufweis einer universalsprachlichen Grammatik ist ein ungeheurer Anspruch und eine viel weitergehende Perspektive als mit einer nur muttersprachlichen Se- mantik verbunden: der Anspruch einer grundsätzlichen maschinellen Übersetzbarkeit von einer Muttersprache in eine andere, auf der Grundlage gemeinsamer syntaktischer (universaler) Grundstrukturen. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit und Perspektive von Computerübersetzungen, die natürlich auch die Semantik der einzelnen Sprachen einschließen muß, doch wesentlich über Wortfelder oder "Wortimplikate" usw. hin- ausgehend sich auf eine gemeinsame "Tiefengrammatik" stützt.

Tiefengrammatik gewinnt hier - vergleichbar der Begriffsverwendung bei N. Chomsky - den Sinn einer universalen, logisch begründeten Grammatikstruktur, demgegenüber die einzelsprachlichen Ausprägungen eine Oberflächen - oder besser Ausdrucks- ebene und -struktur darstellen. Die Bezeichnung "Ausdrucksebene" scheint mir ge- eigneter, weil sie ja erst die eigentliche Sprachebene gegenüber dem Logischen darstellt. An diesem "bunten Abglanz" einer verbindenden, logischen Tiefenstruktur haben wir das eigentümliche Leben der Muttersprachen. Die Unterscheidung von logischer Tiefenstruktur und kontingenter Ausdrucksstruktur ist allerdings auf jeder der semiotischen Dimensionen zu treffen. Jede Muttersprache bzw. jede Sprachfamilie wandelt das allgemein Sprachlogische von Bezeichnungs-, Benennungs-, Handlungs- und Verbindungsdimension ab. Letztere, die syntaktische Dimension, kann aber in eminentem Sinn die Form- oder Ausdrucksdimension der Sprache genannt werden. Sie stellt zugleich die spezifisch systembildende, Dimension der Sprache dar, worin die Sprache sich abschließend selbst reflektiert und im stilistischen Spiel mit sich selbst in die künstlerische Sprache übergeht.

Es war ein großer Irrtum des Pragmatik-Booms der sechziger und siebziger Jahre, die Sprachpragmatik (mit Morris und auch mit G. Klaus) als die umfassendste Dimension anzusetzen. Dem lag die Verwechslung der beiden oben gekennzeichneten Bedeu- tungen von "Pragmatik" zugrunde ("handlungstheoretisch überhaupt" und "sozial"), unklar motiviert durch die Forderung der 68-er Bewegung, die Sprache wie jedes Phänomen in seiner sozialen und politischen Bewandtnis zu sehen. Doch diese so- ziale Bewandtnis der Sprache, ihre interpersonal-pragmatische Dimension (mit 3.1 sigmatischer Informationspragmatik, 3.2 semantischer Ausdruckspragmatik, 3.3 pragmatischer Wirkungspragmatik und 3.4 syntaktischer Rollenpragmatik) reflektiert sich, d.h. wird nochmals reflektiert in der Sprache als selbstreferentem syntaktischem System, z.B. als Stil. Die einseitigen Sprachpragmatiker konnten nie erklären - falls sie es überhaupt zugaben -‚ daß und wieso die grammatischen sowie die metagram- matisch-stilistischen Regeln nicht unmittelbar Spielregeln des sozialen Handelns sind. Handeln und sprachliches Metahandeln wurden nicht unterschieden. Im Zusammen- hang dieses Beitrags geht es indessen primär um eine andere Einseitigkeit als das pragmatisch-politisch akzentuierte Sprachverständnis, nämlich das einseitig seman- tische Sprachverständnis (bei zusätzlicher fehlender Differenzierung der Dimensionen überhaupt). Dem wird hier nicht etwa eine syntaktische Sicht gegenübergestellt - auch das wäre einseitig -‚ sondern eine ganzheitlich-semiotische, die der Sprache in ihren vier großen Dimensionen als Weltbezug, als semantische Zwischenwelt, als soziales Handeln sowie als selbstreferentes grammatisch-stilistisches System glei- chermaßen gerecht wird.

Die Anforderungen an die Computerlinguistik erhöhen sich allerdings damit erheb- lich. Sie können jedoch nur auf solchen ganzheitlichen Grundlagen einlösbar sein, soll es sich nicht um eine Spezialaufgabe wie "Wissensabfrage" handeln. Die Ein- lösung scheiterte bisher daran, daß die soeben skizzierte Sprachtheorie den Lin- guisten viel zu philosophisch, den Philosophen viel zu linguistisch - folglich den Computerlinguisten viel zu unbekannt war, wie übrigens auch der Autorin von "Sprachverarbeitung durch Logotechnik". Es mag sein, daß mit ihrer "Logotechnik" ein nächster, sozusagen der semantische Teilschritt zu einer ganzheitlichen Sprach- verarbeitung hin getan werden kann, allerdings unter Beschränkung auf den halt- baren Kern an ihrer Theorie, das Wortverwendungs-Lexikon.

Der entscheidende, der Sprache als ganzer Rechnung tragende Schritt wird erst getan werden, wenn die Sprache als das skizzierte mehrstufige Reflexionssystem vom Computer als ein solches rekonstruiert wird - inquantum fieri potest:

Die Parallelität von Kybernetik und transdendentalphilosophischem Reflexionsproblem wurde m.E. zuerst deutlich thematisiert in Gotthard Günther: Das Bewußtsein der Ma- schinen (1957/1963). Niklas Luhmann hat sich öfter über "reflexive Mechanismen" ge- äußert, jedoch das Einzigartige der Selbstreflexion, die Identität zweier Relate und ihrer Relation (Erkennender, Erkanntes, Erkennen), nicht erkannt. Womit er sich allerdings in guter Gesellschaft von Philosophen wie Dieter. Henrich, Manfred Frank und Nachfolgern befindet, die mit ihrerseits zirkulären Argumenten vermeinen, die von Kant bis Hegel geltende Reflexionstheorie des Selbstbewußtseins als "zirkulär" widerlegt zu haben, wobei diese ontologische Zirkelhaftigkeit nicht von zirkulärer Argumentation unter- schieden wird (Heinrichs 1986). Wenn es in den Sozialwissenschaften an "Begriffskultur" mangelt (vgl. Dahlberg, 1996), dann geht dies weitgehend auf den derzeitigen Zustand der Grundlagendisziplin Philosophie zurück.

Die kybernetische Autoreflexivität (Günther 1963) wird als Rekursivität usw. das zen- trale Phänomen des Selbstbewußtseins, die ebenfalls viergestufte Selbstreflexion, niemals erreichen und ersetzen können. Doch geht es ja für den Einsichtigen nicht um Computer, die denken und sprechen können, sondern um solche, die Sprache so verarbeiten, daß es dem sinnvollen Sprechen ähnlich sieht. Dazu genügt das zeitlich rasche Nacheinander des beim menschlichen Sprecher wesentlich gleichzeitigen Reflexionsgeschehens: der logischen Stufenfolge von Sachbezug, Selbstbezug, Sozialbezug und Systembezug mittels Sprache. Wann endlich wird die Begegnung der Linguistik mit der revolutionären Informationstechnik unserer Zeit fruchtbar? Je- denfalls nach der Wiedervereinigung von Linguistik und philosophischer Wissenschaft vom Sinn.

Sinn ist – das sei abschließend nochmals hervorgehoben – keineswegs allein Sprach- sinn. Man erweist der Sprache einen Bärendienst, wenn man sie als den Inbegriff alles Wissenbaren, Whrnehmbaren und Denkbaren hinstellt. Der "linguistic turn" kann nur eine weitere Ausprägung und Teilrealisierung der "transzendentalen Wende" seit Kant sein, keineswegs eine Ablösung der Bewußtseinsphilosophie durch Sprachphi- losophie, wie von Humboldt (dort noch nicht in dieser Entgegensetzung) bis Apel und Habermas und immer wieder einmal vertreten wurde. Es geht darum, Sprache den- kend aus Bewußtseinsstrukturen zu rekonstruieren, nicht aber darum, Denken und Bewußtsein auf Sprache zurückführen zu wollen.

Literatur:

Rolland, Maria Theresia: Sprachverarbeitung durch Logotechnik. Sprachtheorie - Methodik - Anwendungen Bonn, F. Dümmler, 1994, 497 Seiten

Dahlberg, I: Zur Begriffskultur in den Sozialwissenschaften: Lassen sich ihre Probleme lösen? In: Ethik u. Sozialwissenschaften 7 (1996) No.1, 3-91
Glinz, H.: Die innere Form des Deutschen, Düsseldorf, Schwann, 1959
Günther, G.: Das Bewußtsein der Maschinen. Krefeld und Baden-Baden: Agis 1963
Günther, G.: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, 3 Bde. Hamburg: Meiner 1976-1979-1980
Hamm, H.T., Poesie und kommunikative Praxis, Heidelberg: Winter 1981
Heinrichs, J.: Reflexionstheoretische Semiotik. Teil 1: Handlungstheorie, Bonn‚ Bouvier 1980, 192 Seiten, Teil 2: Sprachtheorie, Philosophische Grammatik der semiotischen Dimensionen. Bonn, Bouvier 1981, 490 Seiten
Heinrichs, J.: Handlung - Sprache - Kunst - Mystik. Skizze ihres Zusammenhangs in einer reflexions-theoretischen Semiotik. In: Kodikas/Code 6 (1983), 245-262
Heinrichs, J.: Dialog über Dialoganalyse. Ernst W.B. Hess-Lüttichs ‚Grundlagen der Dialoglingustik‘ in kritischer Diskussion. in: Kodikas/Code 6 (1983), 369-385
Heinrichs, J.: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung, Tübingen, UTB Francke 1986, 286 Seiten
Heinrichs, J.: Nationalsprache und Sprachnation. In: Fichte-Studien 2 (Kosmopolitanismus und Nationalidee). ed. K.Hammacher u.d., Amsterdam, Rodopi, 1990, 51-73
Klaus, G,: Die Macht des Wortes. Ein erkenntnistheoretisches-pragmatisches Traktat, Berlin-Ost 1974
Kotzmann E. (Ed.): Gotthard Günther - Technique, Logic, Technology. München – Wien: Profil 1994
Morris, C.: Signs, Language, and Behavior, New York, Braziller, 1955