Zeitschriftenaufsätze /
Buchbeiträge

Johannes Heinrichs

Begriff und Wert der Arbeit
in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit

Scheidewege

Jahresschrift für skeptisches Denken

Begründet von

Friedrich Georg Jünger und Max Himmelheber

Sonderdruck
Jahrgang 28 1998/99

"Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit. "

(Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 23,1)
Die drohende Einfünftelgesellschaft

Die Arbeitslosigkeit ist — wieder einmal, jedoch mit bislang nie dagewesener Schärfe und Grundsätzlichkeit — zum anerkannten wirtschaftlichen Hauptproblem auf nationaler, europäischer wie globaler Ebene aufgerückt. Wäre sie nicht so teuer, wegen ausfallender Steuern und anfallender Sozialleistungen, würde sie als struk- turelles Problem von den Politikern weiterhin verdrängt wie seit den siebziger Jahren. Angesichts der Haushaltslöcher gelingt die Verdrängung zugunsten einer noch prosperierenden Zweidrittelgesellschaft nicht mehr. Die ökonomischen Pragmatiker bringen das globale Problem inzwischen auf die Proportion 20 zu 80:

"20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im kommenden Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. (...) ‚Sicher‘, sagt der US-Autor Jeremy Rifkin, Verfasser des Buches ‚Das Ende der Arbeit‘, ‚die unteren 80 Prozent werden gewaltige Probleme bekommen‘. (...) Nüchtern diskutieren die Manager die möglichen Dosierungen, überlegen, wie denn das wohlhabende Fünftel den überflüssigen Rest beschäftigen könnte. Soziales Engagement der Unternehmen sei beim globalen Wettbewerbsdruck unzu- mutbar, um die Arbeitslosen müßten sich andere kümmern. Sinnstiftung und Integration erwarten sich die Diskutanten vom weiten Feld der freiwilligen Gemeinschaftsdienste, bei der Nachbarschaftshilfe, im Sport- betrieb oder in Vereinen aller Art."1

Ungebrochener, nicht befriedigter Bedarf an Dienstleistungen

Die Arbeit soll ausgegangen sein — obwohl jedermann den Bedarf an Dienstleistungen spürt, wenn die Post und Bürozeiten immer kürzer werden, die Schulklassen immer noch zu groß, die Hochschullehrerstellen, alle möglichen Stellen im öffentlichen Dienst wie in der Industrie gestrichen werden. Vom Bedarf an arbeitsinten- siven Maßnahmen für Städteverschönerung, Gebäude- und Landschaftspflege für eine biologische (arbeitsintensivere) Landwirtschaft oder etwa für Krankenpflege und Betreuung bedürftiger Menschen ganz zu schweigen.

Neu ist die Entwicklung, daß das Bruttoinlandsprodukt wächst und gleichzeitig auch die Arbeitslosenzahlen, daß große Konzerne Gewinne verbuchen und gleichzeitig Arbeitskräfte entlassen, die von den unter zunehmenden Existenzdruck geratenen kleinen und mittleren Unternehmen auch nicht aufgefangen werden können. Rationalisierung der Arbeit durch Maschinen, vollautomatische Fertigung und Computer ist der eine Grund für diese Entwicklung. Er erklärt aber nicht zureichend die anderen Sparmaßnahmen. Dafür muß der andere Grund benannt werden: Die Arbeit ist im gegenwärtigen Wirtschaftssystem zu teuer geworden.

Der grundlegende Widerspruch: Arbeit zu teuer und zugleich überflüssig

Es gilt, den grundlegenden Widerspruch zu erkennen: Die Arbeit würde gebraucht — sie ist nur dem derzeitigen System zu teuer geworden, das technologische Arbeitslosigkeit produziert. Sie ist keineswegs "aus- gegangen" wie ein Rohstoffvorrat, sondern kostbarer geworden als alles andere. Auf der anderen Seite wird der "Gebrauch" dieses kostbaren Gutes vermieden — als handele es sich um eine unwiederbringlich dahin- schwindende Quelle fossilen Brennstoffs. Es sei denn, man wählte den Weg, den K. Marx als die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion beschrieben hat: "den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken oder den Wert der Arbeit bis zu seiner Minimalgrenze zu drücken" •2 Die oben zitierten, SPIEGEL-geschulten Autoren der "Globalisierungsfalle" scheuen sich nicht zu fragen, ob jener alte Warner am Ende doch Recht behalte, angesichts einer kapitalistischen "Gegenreform von historischer Dimension: Rückwärts geht es in die Zukunft, und Gewinner wie Heinrich von Pierer, der Chef des Weltkonzerns Siemens, triumphieren: ‚Der Wettbewerbswind ist zum Sturm geworden, und der richtige Orkan steht uns noch bevor‘."3

Sehen wir uns den besagten Widerspruch genauer an: Die Arbeit ist so aufgewertet worden, daß sie nicht mehr bezahlt werden kann — außer durch Ausweichen in und verhüllte Ausbeutung der jetzigen Billiglohnländer. Der andere Ausweg, der vom industriellen Kapital auf längere Sicht gesucht wird, ist: Reduzierung der lebendigen Arbeit durch Maschineneinsatz, das heißt: tendenzielle Ausschaltung des Menschen aus der Wirtschaft durch die in den Maschinen vorgetane Arbeit. Wohlgemerkt, auch in den Maschinen steckt Arbeit, geistige wie körperliche, doch wird diese Arbeit in ihrer Vergegenständlichung tendenziell unkenntlich: Sie wird auf Dauer vergessen.

Auch die Dienstleistungen werden nach Möglichkeit von Automaten übernommen werden. Doch wurde das automatische Stubenmädchen für die Hotelzimmer noch nicht erfunden. Auch die Küche scheint immer noch weitgehend von lebendigen Köchinnen und Köchen besorgt zu werden. Überhaupt die häusliche Arbeit widersetzt sich — trotz eindrucksvoller Maschinenparks in den Haushalten — der vollständigen Automatisierung.

Die Tendenz des zweiten und dritten Maschinenzeitalters hat sich noch längst nicht erschöpft, sie wird allerdings nie vollständig an ihr Ziel kommen: die menschliche Arbeit völlig durch Maschinenarbeit zu ersetzen. Das Szenario von menschenleeren Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben, "virtuellen" Büros und Schulen, vollautomatisierten Küchen usw. sollte uns nicht übermäßig erschrecken: Für ein mit Lächeln serviertes Menü, eine persönliche Auskunft und Bedienung sowie für giftfrei gewonnene Lebensmittel wird auch der künftige Verbraucher dankbar sein.

Die Tatsache, daß die Frauen als früher minimal vergütete Hausdienerinnen weiterhin ins Wirtschaftsleben drängen, spielt eine erhebliche Rolle für die Entwicklung der Arbeitslosenziffern. Selbstverständlich ist dieser nicht durch Rückwärtsbewegung Rechnung zu tragen, sondern durch Anerkennung und Vergütung der Hausarbeit als sozialer Leistung.

Preis der Arbeit beruht nicht auf ihrer Wertschätzung

Die Aufwertung der menschlichen Arbeit in ihrem Preis (als Ware) geht keineswegs mit ihrer inneren Hochschätzung als spezifisch menschlicher Tätigkeit einher. Arbeit ist vielmehr im allgemeinen das zu Vermeidende, vor allem solche im Dienste anderer, als abhängige Arbeit. Dienstleistungen haben in der "nachindu- striellen Gesellschaft" (Daniel Beil) zwar ungeheuer an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen, jedoch dienen will keiner, wohl verdienen. Der Gedanke des gesellschaftlichen Dienstes, der mit der Arbeit im Maße der ge- wachsenen Arbeitsteilung verbunden sein könnte oder sollte, hat keine Konjunktur. Woran liegt das? Die kurze Antwort darauf lautet: Solange Arbeit lediglich als Ware betrachtet wird, die ihren Preis hat, steht dies in krassem Widerspruch zum Charakter der Arbeit als der Weise, wie sich der Mensch dienend und mitwirkend ins gesellschaftliche Ganze einbringt. Hierin liegt eine diesbezügliche Grundeinsicht Rudolf Steiners, wenn- gleich seine Idee einer "Dreigliederung des sozialen Organismus" (in Wirtschaftsorganisation, Rechtsstaat und Geistesleben) nicht genügend konkret, realistisch und auf unzureichend "professionellen" handlungs- und sozialtheoretischen Grundlagen ausgeführt wurde.4

Das Elend der Arbeitslosigkeit kann bekanntlich durch Arbeitslosengeld — abgesehen von dem volkswirtschaftlichen Problem — nur gemildert, nicht aufgehoben werden. Zur naturgemäßen Ganzheit des Menschen gehört die soziale Partizipation, die Einheit von Selbstbezug und Sozialbezug. Deren Gelingen heißt "Freiheit". Ein Mensch behält weder ein gesundes Selbstbewußtsein im psychologischen Sinn noch Freiheit, wenn er gegen seinen Willen arbeitslos ist. Abgesehen von "ehrenamtlichem" Engagement fehlt ihm die erlebbare Hinordnung auf das soziale Ganze. Seine naturgemäßen Bezüge sozialer Art stellen sich auch dann nicht her, wenn er durch den Wald wandert (obwohl der Wald ein archetypisches Gesellschaftssymbol ist) oder wenn er den Rest seines Arbeitslosengeldes bzw. der Sozialhilfe im Kreis von ohnmächtigen Schicksalsgenossen vertrinkt oder in Drogen "anlegt".

Dem aufgezeigten Grundwiderspruch des Systems, daß Arbeit einerseits zu teuer, anderseits überflüssig gemacht wird, entspricht der Widerspruch zwischen überanstrengten Arbeitsplatzbesitzern, die im Zuge der Einsparungen oft die Arbeit von zweien bewältigen müssen, und der ständig wachsenden "Reservearmee" von Millionen Menschen, die eine sinnvolle wie zugleich nahrhafte Beteiligung am sozialen und wirtschaftlichen Leben suchen — und sich als Outcasts, als lästige und wertlose Außenseiter der Gesellschaft, fühlen müssen. Allein in der Europäischen Union sind es offiziell 18 Millionen, de facto wahrscheinlich doppelt so viele, wenn man Sozialhilfeempfänger, aus sozialer Scham "Selbständige" und von den Familien Mitversorgte, unfreiwillige Allzufrüh-Rentner usw. mitzählt. Das entsprechende Elend auf Weltebene bleibt — was die Arbeitslosenstatistik angeht —zum Teil unter dem Schleier dortiger "frühkapitalistischer" Verhältnisse verborgen.

Leben wir noch in einer "Arbeitsgesellschaft"?

Man könnte hier den Einwand bringen — und dieser wurde zum Beispiel von dem Habermas-Schüler Claus Offe in seinem Buch "Arbeitsgesellschaft" in soziologischer Sprache vorgebracht — daß die Kategorie Arbeit sich überholt habe. "Gibt es solche Anhaltspunkte für eine objektiv abnehmende Determinationskraft der Tatbestände von Arbeit, Produktion und Erwerb für die Gesellschaftsverfassung und die Art der Gesellschaftsentwicklung insgesamt? Wird die Gesellschaft objektiv weniger durch die Tatsache der Arbeit geprägt werden? (...) Kann man, trotz der fortbestehenden Tatsache der Erwerbsabhängigkeit des ganz überwiegenden Teils der Bevölkerung davon sprechen, daß Arbeit individuell und kollektiv weniger zentral geworden ist, — sozusagen von einer Implosion der Arbeitskategorie?"5 Offes Antwort: "Nicht nur objektiv ist die Arbeit aus ihrem Status als einer zentralen und selbstverständlichen Lebenstatsache verdrängt worden, sondern auch subjektiv hat sie — im Einklang mit dieser objektiven Entwicklung, aber in Diskrepanz zu den offiziellen Werten und Legitimationsmustern der Gesellschaft — diesen Status im Motivhaushalt der Arbeitenden eingebüßt."6

Wir sind hier an der für die Zukunft der Arbeit zentralen Frage: Gibt es andere Weisen der Partizipation sowie des Dienstes am sozialen Ganzen, einschließlich der Vergütung durch die Gesellschaft, welche die Arbeitskategorie in absehbarer Zeit ersetzen können? Wobei "Arbeit" nicht allein als Produktion und Bearbeitung der materiellen Natur verstanden wird, sondern als jegliche (zu vergütende) Dienstleistung für die Gesellschaft. Offe und seine Mitautoren zeigen solche Alternativen nicht auf.

Das »Ende der Arbeit« und die Bedeutung des »Dritten Sektors" nach Rifkin

Am dramatischsten hat in jüngster Zeit der schon erwähnte Jeremy Rifkin vom "Ende der Arbeit" gesprochen. Die Informations- und Kommunikationstechnologien würden im Zusammenwirken mit den Marktkräften die Weltbevölkerung in zwei sich feindlich gegenüberstehende Lager spalten: in eine kosmopolitische Elite von ‚Symbolanalytikern‘ oder Wissensverwaltern, in deren Händen die Entwicklung neuer Technologien und die Kontrolle über die neuen Produktionsfaktoren liegen wird, sowie in eine immer breiter werdende Schicht von Arbeitslosen. "Ob wir einer hellen oder einer düsteren Zukunft entgegengehen, das hängt vor allem davon ab, wem der Produktivitätsgewinn des Informationszeitalters zugute kommen wird. Um ihn gerecht zu verteilen, bedarf es einer weltweiten Verkürzung der Arbeitszeit und einer gemeinsamen Anstrengung aller Regierungen, um im Bereich der sozialen Wirtschaft neue Arbeitsplätze für alle die Menschen zu schaffen, die in der Privatwirtschaft nicht mehr gebraucht werden."7 Rifkin spricht vom Non-Profit-Bereich oder dem Dritten Sektor (neben Markt und Staat). "Dann kann sich ein gesellschaftliches Leben entwickeln, das sich von dem des marktwirtschaftlichen Zeitalters genauso sehr unterscheidet, wie dieses sich vom Feudalismus des Mittelalters unterschieden hat." "Die Hilfsorganisationen und politischen Initiativen des Dritten Sektors sind zum Blitzableiter für die Frustrationen der immer zahlreicheren Arbeitslosen geworden. Wenn sie es schaffen, den Geist der demokratischen Teilhabe zu stärken und zugleich unseren Gemeinschaftssinn wieder aufleben zu lassen, dann könnte der Dritte Sektor uns als Vorreiter in die post-marktwirtschaftliche Ära führen."8

Was Rifkin in beredter Weise vorschlägt, läuft jedoch — abgesehen von der selbstverständlich zu akzeptierenden Maßnahme der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung! — auf eine Zweiteilung von wirtschaftlichem Leben einerseits und dem "Dritten Sektor" ehrenamtlicher und kultureller Aktivität anderseits hinaus, der übrigens starker sozialstaatlicher Regulierung bedürfte.

Eine solche Zweiteilung kann wohl nur als ein Notbehelf im Übergang zu einer auch in sich menschenwürdigen und gerechteren Wirtschaft akzeptiert werden. Sie würde die von ihm selbst benannte neue Version des Klassenproblems nicht lösen und die Marktwirtschaft daneben eine inhumane Veranstaltung bleiben lassen. Sie würde auch das Problem der Entmachtung von Staat und gesellschaftlicher Gemeinschaft durch die Macht der multinationalen Unternehmen nicht lösen.

Die Konstruktion eines "Dritten Sektors" neben Staat und Markt läßt sich ferner demokratietheoretisch nicht halten: Markt selbst, vor allem der optimal freie, ist eine staatlich abgesicherte (strukturelle, nicht körperschaftliche) Institution, und der sogenannte Dritte Sektor funktioniert ebenfalls nicht ohne (kultur)staatliche Obhut. Er stellt weitgehend eine Beschreibung für die kulturelle, gemeinschaftsbildende Ebene der Gesellschaft dar. Rifkin geht davon aus, daß der "Dienstleistungssektor" die technologische Arbeitslosigkeit auch nicht auffangen könne. Dies ist jedoch nur richtig, solange dieser Sektor ebenso wie die Produktion fest im Griff des kapitalistisch-monetären Systems verbleibt. Unter der Voraussetzung eines anderen, nicht akkumulierenden Geldsystems würde der "Dritte Sektor" zu dem gesellschaftlich-gemeinschaftlich (formell oder informell) honorierten Dienstleistungen gehören!

Frage nach einem "alternativen" Verteilungsschlüssel

Um die Fragen eines "neuen Gesellschaftsvertrages", wie auch Rifkin sich euphemistisch9 ausdrückt, also von Grund auf anzugehen, bedarf es des oben schon eingeführten erweiterten Arbeitsbegriffes als Schlüssel gesellschaftlicher Vergütung. Im Nachwort des Rifkin-Buches formuliert Martin Kempe, m.E. in gedanklicher Spannung zu Rifkins Ansatz: "Wenn der marktwirtschaftliche Prozeß aus sich selbst heraus nicht mehr in der Lage ist, das gesamte gesellschaftliche Arbeitsvermögen zu mobilisieren, muß eine auf Vollbeschäftigung zielende Politik anders ansetzen. Die soziale Krise kann dann nur durch eine neue Arbeitspolitik gelöst werden, also durch eine Neugestaltung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens mit dem Ziel der Teilhabe aller an existenzsichernder Erwerbsarbeit."‘0

Wovon sollen das Einkommen (im weitesten Sinne), der Lebensstandard und die soziale Befriedigung (satisfaction) eines Menschen bzw. seiner Familie in der künftigen Gesellschaft abhängen? Von Grund- und Bodenbesitz wie ehedem? Von der Zahl der Nachkommen wie einst für die "Proletarier", die für sein Alter im "Generationenvertrag" sorgen. Von Durchsetzungsvermögen und Glück beim Gütererwerb (um nicht "Erwerbstätigkeit" zu sagen)? ("Fortune", Glück, hieß auf Französisch immer schon, lange vor der Leistungsgesellschaft, "Vermögen".) Von der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht wie in alten Kasten- und Feudalsystemen? Von Schönheit oder von angeborenen Fähigkeiten? Doch Fähigkeiten kommen erst durch Ausbildung, Ausübung und Fleiß zur Entfaltung. Hiermit kämen wir schon wieder in die Nähe eines Arbeits- und Leistungsbegriffs. Vielleicht erübrigt sich die Frage in einer "Überflußgesellschaft", weil jeder nach seinen Bedürfnissen1‘ alles erhalten kann? Von einer Überflußgesellschaft sind wir jedoch weltweit weit entfernt, selbst in den noch bestehenden Wohlstandsgesellschaften heute weiter, als man sich in den fetten Jahren träumen ließ. Auch ein Mindesteinkommen ohne Arbeit, eine Art Bürgergeld — in Frankreich soll ein solches an eine sozial oder kulturell nützliche Arbeit oder an den Besuch von Fortbildungskursen gekoppelt werden — wäre keine Antwort auf die Fragen, wovon die verbleibenden Einkommensunterschiede abhängen sollen.

Keine Alternative zu einer Art "Leistungsprinzip «

Die Fragen so stellen, heißt zu erkennen, daß es zu irgendeiner Form dienstleistender Teilhabe, zu dem Prinzip "Teilhabe nach dem Maße der Teilgabe"‘2, die bis zum Abbruch eines Schlaraffenlandes keine ernsthafte Alternative gibt, will man an irgendeiner Form der sozialen Gerechtigkeit festhalten. Wohl ist es sinnvoll, gar notwendig, den Arbeitsbegriff klarer von der Seite der sozialen Dienstleistung her zu akzentuieren und damit zu erweitern gegenüber einem primär an der Objektbearbeitung orientierten Auffassung von Arbeit als Produktion von Gütern. Selbst der traditionelle Arbeitsbegriff hatte — bei Licht besehen — stets die gesellschaftliche Komponente. Arbeit war immer mehr als Objektbearbeitung, nämlich sozial ausgerichteter Objektbezug, was durch das Wachsen der Arbeitsteiligkeit verstärkt wurde. Ein erweiterter Arbeitsbegriff würde jedoch alle sozialen, kulturellen und künstlerischen Leistungen einschließen müssen, nicht zuletzt auch Hausarbeit und pflegerische Dienste.

Der Begriff »Arbeit« im Gesamt des menschlichen Handelns

In der Antike war Arbeit nur eine, und zwar die am geringsten bewertete Art von menschlicher Tätigkeit. Aristoteles unterschied:

1. »Poiesis« oder "ergomazai« ‚ das handwerklich herstellende, für die materielle Existenzsicherung notwendige und zugleich mühevolle Schaffen, das zu jener Zeit nur von den einfachen Leuten und den Sklaven ausgeführt wurde. Zu solcher Arbeit als Poiesis wurde damals auch die künstlerische, besonders bildhauerische Tätigkeit gerechnet.

2. "Energein«‚ das rein sich selbst verwirklichende, primär geistige Tätigsein, das Muße als Freisein von allen anderen Aktivitäten voraussetzt, z. B. als Streben nach höchster Einsicht in Form von Philosophie. Es war, wie das »prattein" ‚ den höher gestellten, freien Bürgern vorbehalten.

3. "Prattein«‚ das soziale und ethisch relevante zwischenmenschliche Handeln, sei es um der Verwirklichung des Guten und der eigenen Vervollkommnung willen, sei es im Dienste der Polis-Gemeinschaft.

Diese drei Begriffe von Tun oder Handeln finden sich mit gewandeltem Sinn annähernd in der Handlungsklassifikation gegenwärtiger Handlungstheorie wieder. Es lassen sich folgende große Handlungsgenera, nach dem Grade ihrer Reflexivität gestuft, unterscheiden‘3

1. Objektgerichtet-physisches Handeln (Sammeln, Bearbeiten, Bauen, Herstellen, Transportieren, Sichbewegen, Handeln im kaufmännischen Sinne)

2. Innersubjektives Handeln, (Entscheidungshandeln, Denken, Lernen)

3. Soziales Handeln, das sich — nach Max Webers Definition — am Verhalten und den Erwartungen anderer orientiert.

4. Ausdruckshandeln oder mediales Handeln (Gestik, Zeichengebrauch, Gemeinschaftsausdruck bis hin zu Sprache und Kunst, die Formen von sich selbst regulierendem Meta-handeln darstellen).

(Diese vier großen Typen von Handlungen werden in der angeführten Handlungstheorie vielfältig weiter untergliedert.)

Den vierten Handlungstyp, Ausdruckshandeln, hat Aristoteles, der noch keine systematische Handlungstheorie versucht hat, nicht unterschieden. Die künstlerische "Poiesis" wurde bei ihm von der handwerklichen Herstellung nicht grundsätzlich unterschieden, was dem sozialen Status und Ansehen der Künstler als Handwerker entsprach. Die bei ihm unterscheidbaren drei Tätigkeitsarten bilden keine systematische Stufung nach dem Grade ihrer Reflexivität, sondern eher soziale Tätigkeitsformen.

Heute läßt sich eine klassenbedingte Unterscheidung zwischen Poiesis (1) und Praxis (2) selbstverständlich nicht mehr aufrechterhalten, selbst wenn Poeisis als handwerkliche Objektbearbeitung und als künstlerisches Ausdruckshandeln unterschieden wird.

Was die Selbstverwirklichung in der Muße angeht, so wird diese heute in anderer Form gesucht als im Streben nach Einsicht: in zerstreuenden und attraktiven Freizeitaktivitäten. Dem alten Klassengegensatz von Arbeitenden und zu Muße fähigen "Freien" entspricht

— erstens der fragwürdige zeitgenössische Dualismus von meist als lästig empfundener Arbeit und als eigentliche Lebenserfüllung angesehener (bezahlter) Freizeit bei denselben Menschen,

— zweitens der neue Gegensatz von Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen,

— drittens weiterhin der "klassische" Gegensatz von solchen Menschen, die Arbeitseinkommen nötig haben, und solchen, die von Kapital- und Landzins, das heißt von der Arbeit anderer leben können.

Es geht in diesem Rahmen nicht um den — in philosophischen Lexikon-Artikeln zu "Arbeit" und anderswo mehr oder weniger befriedigend versuchte‘4 — Geschichte des Arbeitsbegriffs. Es genüge hier die Feststellung, daß bei der als "sozialem Objektbezug«‘5 verstandenen Arbeit das Moment der Natur-Bearbeitung hinter dem der sozialen Dienstleistung zurückgetreten ist. Es dürfte sinnvoll und ausreichend sein, allein dieses letzte Element als definitorisch für den Arbeitsbegriff anzusehen, allerdings mit der Unterscheidung:
materiell vergütete soziale Dienstleistung
nicht materiell vergütete soziale Dienstleistung
Die so verstandene Arbeit kann primär objektbezogen sein (z. B. handwerkliche, industrielle, landwirtschaftliche Arbeit), unmittelbar sozialbezogen (Dienstleistungen) oder "geistige Arbeit « als primär auf Sinngehalte bezogene Arbeit (z. B. künstlerische und gedankliche Arbeit) sein. Bei all diesen deutlich verschieden akzentuierten Arbeitsformen ist dennoch die Ganzheit der anthropologischen Dimensionen (Körper, Seele, Geist) und Funktionen anzustreben.‘6 Entscheidend ist bei aller notwendigen Arbeitsteilung die Ganzheit der gesellschaftlichen Hinordnung, also der als sinnvoll erfahrene Beitrag zur Wirtschaftsgemeinschaft, letztlich zur Menschheit als ganzer.

Das psychologische Moment der Mühe sollte nicht in eine heutige Definition von Arbeit aufgenommen werden. Auch wenn der Arbeitsbegriff historisch mit Mühe und Arbeitsleiden assoziiert wurde und ein großer Teil der Arbeit noch immer mühevoll, mit Unlustgefühlen verbunden ist, so läßt sich einerseits Mühe denken, die keinen unmittelbaren Sozialbezug hat, also nicht unter den hier vorgeschlagenen Arbeitsbegriff fällt, z. B. sogenannte "Körperarbeit" und seelische "Arbeit" an sich selbst. Anderseits braucht Arbeit als sozialer Dienst keineswegs vorwiegend mühsam und durch Unlustgefühle geprägt sein. Im Gegenteil wäre anzustreben, daß Arbeit in fortschreitendem Maße mit Lustgefühlen des Leistenkönnens sowie der sozialen Befriedigung verbunden wird, daß somit die Arbeit selbst zu einem bedeutenden Teil der persönlichen Selbstverwirklichung wird bzw. als solcher erfahren und anerkannt wird.‘7

Arbeitswertlehre gleich Leistungsprinzip

Wenn Arbeit soziale Dienstleistung im weitesten Sinn bedeutet — gleich ob sie psychologisch mit mehr Mühe oder mehr Lust und Befriedigung oder mit einer charakteristischen Mischung und wechselweisen Steigerung beider Komponenten verbunden ist —‚ dann zeigt sich ferner, daß eine richtig verstandene Arbeitswertlehre identisch ist mit dem in der kapitalistischen Wirtschaft offiziell hochgehaltenen Leistungsprinzip, sofern dieses nicht als Ellbogen- und vordergründiges Erfolgsprinzip verstanden, sondern auf eine gerechte Proportion von sozial wertvoller Leistung und Vergütung bezogen wird.‘8 Ob die "sozial wertvolle Leistung" eine wirtschaftliche Wertschöpfung im heutigen Sinn genannt werden kann, dies eben stellt sich als Frage der sozialen Tauglichkeit der theoretischen und praktischen Ökonomie selbst.

Es braucht nicht ausführlich ausgeführt zu werden, daß eben dieses Leistungsprinzip in der kapitalistischen Wirtschaft — entgegen der offiziellen Doktrin, besser Ideologie — aufs schwerste verletzt wird: eben durch die ständige Honorierung des leistungslosen Einkommens durch den Zinseszinsmechanismus. Daß Silvio Gesell, der Initiator einer "freiwirtschaftlichen" Bewegung für "Natürliche Wirtschaftsordnung" das Leistungsprinzip in hohem Maße bejahte, bedarf keines langen Nachweises mehr. Definierte er doch die Natürliche Wirtschaftsordnung als "eine Ordnung, in der die Menschen den Wettstreit mit der ihnen von der Natur verliehenen Ausrüstung auf vollkommener Ebene auszufechten haben, wo darum dem Tüchtigsten die Führung zufällt, wo jedes Vorrecht aufgehoben ist".‘9

Ablehnung der Arbeitswertlehre vom Mainstream der Fachökonomen

Um so verwunderlicher ist jedoch, daß "freiwirtschaftliche" wie kapitalistische Fach-Ökonomen die Arbeitswertlehre fast einmütig ablehnen. Beiden Seiten scheint diese Lehre "marxistisch", womit gemeint sein soll: auf Marx rückführbar. Beide Seiten verbinden damit gern den nicht-marxschen Horror-Gedanken einer staatlichen Planwirtschaft. Dabei ist zumindest dies klar, daß der Urvater einer liberalistischen Ökologie, Adam Smith, und in seinem Gefolge David Ricardo die Lehre vertreten haben, daß allein durch Arbeit neue wirtschaftliche Werte (durch Bearbeitung und Bereitstellung der vorhandenen Naturgüter) geschaffen werden.20

Unterscheidung von Wert und Preis

Nun ist zuzugestehen, daß bei den Klassikern der liberalistisch-kapitalistischen Ökonomie der Grundgedanke der Arbeitswertlehre im Sinne des Leistungsprinzips noch nicht unterschieden wird von einer quantitativen Lehre von der Herausbildung der Preise durch den Markt. Es ist ferner zuzugestehen, daß auch Karl Marx damit gescheitert ist, die Arbeitswertlehre, die er bekanntlich mit der Lehre vom Mehrwert (d. h. der Ausbeutung der wertschaffenden Quelle Arbeit durch die Unternehmer bzw. Geldkapitalisten) verband, quantitativ zu operationalisieren zu einer Preisbildungstheorie. "Wenn Marx das Verdienst zugesprochen wurde, er sei der erste Autor seit François Quesnay gewesen, der ein mathematisches Modell der Ökonomie entworfen hat, so ist dieses Verdienst durch seine fragwürdige Verwendung mathematischer Verfahren freilich wieder geschmälert worden. "21

Es soll hier somit ausdrücklich unterschieden werden zwischen der Lehre vom allein wertschaffenden Charakter der Arbeit und einer ökonomisch-mathematischen Preisbildungstheorie.

Die Unterscheidung von "natürlichem Wert" und Preis einer Ware findet sich übrigens schon bei Thomas von Aquin, ebenso wie der Grundgedanke der Arbeitswertlehre. So heißt es unter der Überschrift "Ob jemand erlaubterweise eine Sache teurer verkaufen darf, als sie Wert hat", heißt es in der entscheidenden Antwort: "Wenn also der Preis die Wertgröße (quantitatem valoris rei) übersteigt, oder umgekehrt die Sache den Preis übersteigt, wird die Gerechtigkeit verletzt."22

Die Formel für die Wertbestimmung eines Gutes im Sinne einer Arbeitswertlehre (in Anschluß an Aristoteles) lautet beim Aquinaten: "labor et expensae", Arbeit und Ausgaben.

Dreifacher Fehler der ökonomischen Orthodoxie

Wenn Ökonomen meinen, weil die Arbeitsleistung in ihren Preisbildungstheorien keinen so beherrschenden Platz einnimmt, sei der Grundgedanke der Arbeitswertlehre damit widerlegt oder auch nur belanglos geworden, begehen sie damit einen mindestens dreifachen Fehler: 1. Sie unterscheiden nicht zwischen der sozialethischen Frage nach der Herkunft des ökonomischen Wertes und der ganz anderen Frage nach den Faktoren der marktabhängigen Preis- und Einkommensbildung. 2. Sie nehmen den faktischen Prozeß der Preisbildung in unserer kapitalistischen Gesellschaft für die unbefragte Norm. 3. Sie definieren den schwer faßbaren Faktor Arbeit meist so aus dem Preisbildungsprozeß hinaus, daß er allenfalls als quantitativer Preis-Faktor, doch nicht mehr in seinem Spezifischen als menschliche Aktivität und gesellschaftliche Dienstleistung erscheinen kann. Dem entspricht die Abkoppelung der Ökonomie von den Sozialwissenschaften, ihre Einigelung in ein "Fach".

Wir brauchen uns nicht weiter auf das Gebiet der Fachökonomie zu begeben, um Folgendes zu erkennen: Wenn Ökonomen der menschlichen Arbeit nicht ihren angemessenen Stellenwert im wirtschaftlichen Leben einräumen, wenn sie mit der Arbeit den Menschen aus ihren Gleichungen herausdefinieren, erfüllen sie Handlangerdienste für ein System, das seine Prosperität, sein Scheingedeihen, an betrieblichen und volkswirtschaftlichen Profiten mißt, nicht aber an dem, wofür die ganze Veranstaltung Ökonomie dasein sollte: am Menschen und seinem Wohlergehen. Die nationale, europäische und demnächst (nach hinreichender Ausbeutung der Billigarbeitländer) globale Arbeitslosigkeit ist Folge dieser Art von ökonomischem Denken.

Solange das Medium (Mittel!) Geld zum Maßstab aller ökonomischen Wertschöpfung gemacht wird statt die wertschaffende Quelle Mensch, seine Arbeit und seine Bedürfnisse, dürfte das harte Urteil der amerikanischen Ökonomie-Kennerin und Futurologin Hazel Henderson zutreffen: "Die Ökonomie ist keine Wissenschaft, und wirtschaftspolitische Maßnahmen sind heute zu wichtig, als daß man sie den Ökonomen überlassen dürfte."23 Solche Ökonomie beschreibt nicht allein die verfahrene Situation, sie schafft sie vielmehr aktiv mit, und dies nicht wegen zu großer Rationalisierung, sondern wegen Unterfunktion der (selbst)kritischen Vernunft.

Die Ökonomie ist anscheinend — trotz unbestreitbarer fachinterner Leistungen — in ihrem Mainstream noch nicht aus dem Stadium des vorkritischen Dogmatismus herausgetreten. Kant beendete dieses Stadium in der Philosophie, indem er das reflexive Prinzip der "Handlungen des Verstandes" statt des unmittelbaren Losgehens auf Objekte zum Maßstab machte. Die als selbständige Wissenschaft erst gut hundert Jahre alte Ökonomie würde ihr dogmatisches Stadium erst überwinden, wenn sie eine Handlungswissenschaft und somit in viel höherem Maße Sozialwissenschaft würde, die ihre Grundbegriffe dementsprechend einführte. Sie könnte dann nicht mehr so hochnäsig das Wertproblem als für sie irrelevant ignorieren. Wie Henderson zu zeigen versucht — ohne allerdings bisher ein alternatives Geldsystem ausführlicher zu diskutieren, "sind Wertsysteme — weit davon entfernt, ‚subjektiv‘ oder ‚peripher‘ zu sein, bloß weil sie unbequemerweise nicht quantifizierbar sind — die beherrschenden, treibenden Variablen in allen ökonomischen und technologischen Systemem."24

Der heute geläufige Ruf nach "neuen Werten" bleibt Ablenkungs-Ideologie, wenn nicht die wertschaffende Arbeitsleistung des Menschen und die ihn leitenden Bedürfnisse zum Maßstab eines vernünftigen Wirtschaftens gemacht werden. "Unsere Politiker aber reden von Arbeitslosigkeit und Kriminalität — den drängendsten Problemen unserer Zeit — immer noch so, als gäbe es zwischen ihnen keinen Zusammenhang. Sie weigern sich anzuerkennen, daß technologisch bedingte Massenentlassungen zur Entstehung einer Schicht von Gesetzlosen führen. "25

Eine normative Fassung von John M. Keynes‘ Theorie?

Um nicht bei einer bloß abwehrenden Ökonomen-Schelte zu bleiben, sei die Frage aufgeworfen, ob von dem eben aufgestellten Postulat her nicht zum Beispiel die wirkungsmächtige Theorie von John Maynard Keynes, die er 1936 unter dem Titel "The General Theory of Employment, Interest and Money"26 vorlegte, von einer deskriptiven zu einer normativen Steuerungs-Theorie gewendet werden kann. Keynes beanspruchte, eine allgemeine Beschäftigungstheorie entwickelt zu haben. Er wollte beweisen, daß das Gleichgewicht der Wirtschaft auf unterschiedlichen Beschäftigungsniveaus erreicht werden kann und daß das früher postulierte Vollbeschäftigungsgleichgewicht nur einen Fall aus einer großen Vielzahl ökonomischer Bedingungen darstellt. Daher gab er die grundlegende Annahme des "Arbeitswertlehrers" Ricardo auf, daß das Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung unentbehrlicher Bestandteil jedes theoretischen Wirtschaftsmodells sei. Beruhte diese Annahme von Ricardo nicht bereits auf einem implizit eingeführten normativen Element, einer Sollwertsetzung: daß Arbeit den Maßstab wirtschaftlicher Wertschöpfung liefern sollte? Besteht keine Möglichkeit, diese Annahme auf entwickelterem Niveau der ökonomischen Theorien explizit und bewußt normativ zum Ausgangspunkt zu nehmen?

Keynes vertraute nicht darauf, daß die in der Tauschwirtschaft wirksamen Kräfte ein Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung herstellen und hielt eine verantwortliche Wirtschaftspolitik mit der traditionellen Auffassung der Ökonomie als Wechselspiel zwischen Löhnen und Preisen für unvereinbar. "Führt man das Keynessche Wirtschaftsmodell auf seine Bestandteile zurück, so erweisen sich als ‚letzte unabhängige Variable‘: (a) drei grundlegende psychologische Faktoren, nämlich die Konsumneigung, die Liquiditätspräferenz und die Erwartung zukünftiger Erträge aus Kapitalanlagen (die Investitionsneigung); (b) die Lohneinheit; und (c) die von der Zentralbank festgesetzte Geldmenge. Diese Größen, sagte Keynes, bestimmen das Volkseinkommen und den Umfang der Beschäftigung. (...) In einem vielzitierten Diktum erwartete Keynes den ‚sanften tod (euthanasia) des Rentiers, ihre allmähliche Beseitigung durch die fortschreitende Senkung des Zinssatzes bis auf Null. (...) Gelegentlich äußerte er sogar eine gewisse Vorliebe für verschiedene Arten von Wuchergesetzen und für das Schwundgeld, wie es von Silvio Gesell befürwortet wurde." 27

Schon in einem Aufsatz von 1930 hatte Keynes (wie vor ihm Marx) die Bedeutung der technologisch bedingten Arbeitslosigkeit erkannt: "Wir sind von einer Krankheit befallen, deren Namen einige Leser noch nicht gehört haben mögen, von der sie aber in den nächsten Jahren noch recht viel hören werden, nämlich technologischer Arbeitslosigkeit (...)‘ weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Ersparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendung für die Arbeit zu finden. "28

Die Erwartung vom sanften Tod des Rentiers hat sich allerdings keineswegs erfüllt und kann sich ohne durchgreifende Maßnahmen —nämlich die gesetzliche Unterbindung arbeitslosen Einkommens per Zins — niemals erfüllen. Nach dem Angeführten wäre es nicht gegen die Intentionen Keynes, in sein Wirtschaftsmodell die Vollbeschäftigung als normativen Sollwert, möglicherweise gar als » letzte unabhängige Variable" einzuführen.

Das oligarchische "Planungssystem" nach J. K Galbraith

Indessen stellt sich die Frage: Wer soll hier etwas einführen, wer soll und kann handeln? Nach den ebenso eindringlichen wie allgemein verständlichen Analysen von John Kenneth Galbraith zerfällt unser Wirtschaftssystem in die "Millionen kleiner Firmen, die die Hälfte der Privatwirtschaft ausmachen, und jener Handvoll von Industriegiganten, die die andere Hälfte darstellen"29: in das, was er Marktsystem nennt und das, was er Planungssystem nennt. Das Planungssystem der großen Konzerne dominiert vollständig das Marktsystem und nimmt vor allem auch die staatliche Wirtschaftspolitik in seinen Dienst. Die brillanten Analysen in Gailbraith‘ "Economics and the Public Purpose", ungenau wiedergegeben mit "Wirtschaft für Staat und Gesellschaft", zeigen den dadurch entstehenden Widerspruch zwischen dem beherrschenden Planungssystem und dem Interesse der Öffentlichkeit.: Es ginge darum, daß der Staat bzw. die Staatengemeinschaft die Interessen der Öffentlichkeit vertreten, indem sie die wirtschaftliche Initiative übernehmen.

Galbraith kommt am Schluß seines inzwischen noch aktueller gewordenen Buches zu dem Postulat: "Es muß eine staatliche Planungsautorität geschaffen werden. Diese wiederum ist streng von der Legislative zu überwachen. Hier geht es nämlich um das schwierigste aller Probleme der öffentlichen Selbstbesinnung: Den Ausbau einer Planung, die nicht den Zwecken der Planung (gemeint ist das Planungssystem, J.H.), sondern denen der Öffentlichkeit dient. Die Schaffung eines Instrumentariums für die Planung, unabdingbar geworden durch die heutige Wirtschaftsstruktur, ist die nächste große Aufgabe der Wirtschaft."30 Das hat — wenngleich dieser Unterschied bei Galbraith leider nicht deutlich genug herauskommt — mit staatlicher "Planwirtschaft" nichts zu tun, sondern mit rahmensetzender Wirtschaftsgesetzgebung. Der Staat hat auch derzeit eine stark wirtschaftslenkende Funktion. (Es müßte eben staatstheoretisch und konkret verfassungsmäßig zwischen Wirtschaftsstaat, im engeren Sinn politischem Staat, Kulturstaat und Grundwerte-Staat unterschieden werden31.) Die wirtschaftslenkende Funktion der Staaten wird derzeit bloß "naturwüchsig" und mit wachsender Ohnmacht wahrgenommen. Staatliche Rahmengesetzgebung für das möglichst freie Wirtschaftsgeschehen unterscheidet sich grundsätzlich von einer zentralen Wirtschaftsplanung, in welcher der Staat selbst als Unternehmer aufträte (Planwirtschaft). Derzeit wird die Freiheit des Wirtschaftslebens durch das grenzüberschreitende Oligopol ("die Herrschaft weniger") grundsätzlich untergraben.

Im Mangel an dieser Einsicht erblickt Galbraith einen der Schwachpunkte bei Keynes: "Die Nationalökonomen leisten, wie wir gesehen haben, dem Planungssystem einen wichtigen Dienst, indem sie versuchen, alle Probleme im Schema des Marktes unterzubringen und jegliche Verhaltensweise dem Markt unterzuordnen — sie verschleiern damit nämlich die Macht, die das Planungssystem ausübt."32

Aber Keynes unterlief noch ein weiterer Irrtum: "Er erkannte nicht, daß im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung die Macht vom Verbraucher auf den Produzenten übergehen würde. Da er diese Verlagerung nicht voraussah, erkannte er auch nicht die zunehmende Divergenz zwischen den Absichten des Produzenten oder des Planungssystems und denen der Öffentlichkeit. Und er erkannte nicht, daß es zu einer ungleichen Entwicklung kommen würde, da die Macht zur Erreichung der Planungsziele ungleich verteilt ist. Daraus folgt eine ungleiche Einkommensverteilung. Er sah auch nicht, daß die Verfolgung solcher Zwecke die Umwelt gefährden und den Verbraucher versklaven würde."33

Solche Worte aus der Feder eines der profiliertesten und (zumindest im Alter) unabhängigsten Ökonomen und Politikberater der Nachkriegszeit sollten aufhorchen lassen.

Hinter dem oben ausgesprochenen Postulat, das an die neoliberale Ökonomietheorie anzuknüpfen sucht, die Vollbeschäftigung als normativen Sollwert der Wirtschaftspolitik anzusetzen, verbergen sich also grundlegende Forderungen nach Änderung der Wirtschaftspolitik, besser: nach Neubesinnung auf die Rolle der Wirtschaftsstaaten. Noch einmal: dies nicht in Richtung Planwirtschaft, sondern rahmensetzende Wirtschaftsgesetzgebung. Galbraith hoffte noch auf eine rechtzeitige Neubesinnung der Nationalökonomen, ohne die staats-theoretischen Implikationen deutlich zu sehen oder auszudrücken. Er hielt das Wirtschaftssystem für staatlich reformierbar, ohne daß er eine Alternative zum Zinseszinssystem diskutierte. Auch hier ist ein Fragezeichen zu setzen. Wenn der Staat seine wirtschaftsregulierende Funktion unter dem Primat der Politik (indirekt dann allerdings der Kultur und der weltanschaulichen Grundwerte) auszufüllen begänne, stünde das Zinsthema allerdings einschlußweise zur Debatte. Überraschenderweise stellt sich heraus, daß ein scheinbar rein ökonomisches Problem wie das der Arbeitslosigkeit in Fragen der Staatstheorie sowie in die Fragen der Weltordnungspolitik (global governance) hineinführen muß.

Verzicht auf Ganzheit beim Mainstream der Ökonomen

Inzwischen ist die Ökonomie jedoch von umfassenden Gesamtentwürfen als Teil der Sozialwissenschaften abgekommen und hat sich der mathematischen Behandlung von Teilaspekten der Wirtschaft zugewandt. Es ist dies die gleiche Entwicklung vom ganzheitlichen Denken — wie es vor hundert Jahren noch der "Philosophischen Fakultät" zumindest offiziell aufgegeben war — zum partiellen Berechnen, wie sie in den meisten sozialwissenschaftlichen Disziplinen ebenso wie in Psychologie, Sprachtheorie usw. stattgefunden hat. Rechnen ist leichter als Denken im eigentlichen Sinn: als Zusammenbringen der verstreuten Gedanken. Das berechtigte hypothetische (statt deduktive) Denken der Einzelwissenschaften wurde zum fachspezifischen Rechnen ohne den Blick auf die Ganzheit der sozialen Zusammenhänge pervertiert. Daneben floriert friedlich-schiedlich ein Ganzheits-Boom esoterischer und sonstiger Art, der dem Boom bloßer Individual- und Unternehmensethiken an ideologischer Überbau-Funktion und Ablenkungskraft in nichts nachsteht — solange er nicht zu konkretisierbaren strukturellen Vorschlägen führt.

Umwelt-Krise als Einwand?

Man könnte den Einwand erheben, das geforderte Ausgehen vom Menschen als Ursprung und Ziel alles Wirtschaftens sei Ausdruck einer "Anthropozentrik", die hinter die allmählich sich durchsetzende Einsicht zurückfalle, daß die Umweltkosten, der Verbrauch an Natur, an Boden und Landschaftswerten, an Wasser und Luft, in die ökonomischen Berechnungen als Kosten eingehen müssen. Diese rechnerische Internalisierung der bisher als extern angesetzten Kosten sei zunächst einmal der entscheidende Schritt für die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Dagegen, daß diese scheinbar kostenlosen Naturelemente wie Rohstoffe in die Kalkulationen eingeht, soll hier gewiß nichts gesagt werden. An anderer Stelle (in "Ökologik") wurde jedoch aufgewiesen, daß die Entgegensetzung von "Kosmozentrik" gegen "Anthropozentrik" die ökologische Fragestellung nochmals in technokratischer Manier verfälscht, indem sie die Natur-Mensch-Beziehung sowie die Schlüsselstellung des Menschen als "Mesokosmos" zwischen der kosmischen Makrowelt und der Mikrowelt ausklammert. In der Welt des bloßen Physikers und Astronomen kommt der Mensch als solcher nicht vor. Das Gleiche ist hier von Ökonomen zu sagen, die ihre Fachkompetenz allein auf die Beschreibung des bestehenden Wirtschaftssystems verwenden. Auch wenn die Einsichtigeren unter ihnen neuerdings die knapp gewordenen Naturressourcen in ihre Kosten-Nutzen-Rechnungen einbeziehen, steht sie noch immer in Gefahr, die Wirtschafts-Rechnung ohne den Wirt zu machen: ohne den arbeitenden bzw. arbeitswilligen Menschen.

Auch diejenigen, die von Aristoteles über Adam Smith bis in unsere Tage die Arbeitswertlehre vertreten, wußten selbstverständlich, daß die Natur Güter vorgibt und daß menschliche Arbeit "nur" die Bedeutung hat, sie dem wirtschaftlichen Tausch zugänglich zu machen. Erst durch Arbeit — und sei es im Grenzfall bloß durch Transport und Handel — werden knappe Güter Gegenstand der Tauschwirtschaft. Es wäre ein naturalistischer Stumpfsinn, der mit Ökologie nicht das Mindeste zu tun hat und über den jeder Weinbauer und Obstproduzent lachen müßte, wollte man den von Natur gegebenen Gebrauchswert solcher Güter mit ihrem wirtschaftlich allein zählenden Tauschwert verwechseln.34 Durch die neuen, intelligenten Dienstleistungsformen wird der Anteil der Arbeit (und in technischen Geräten vorgeleisteten Arbeit) am Tauschwert nur offensichtlicher.

Das Recht auf Arbeit

Das Recht auf Arbeit ist Bestandteil der Erklärung der Menschenrechte von 1948 und als solches zugleich Teil des deutschen Grundgesetzes. Es handelt sich um das Recht auf sinnvolle Teilhabe und Teilgabe am Gemeinwesen. Soll dieses Recht nicht folgenlose Feiertagsdeklaration bleiben und auf das freie Recht zur Wahl des nichtvorhandenen Arbeitsplatzes eingeschränkt werden, bedarf dies einer radikalen Umorientierung der Ökonomie in Theorie und Praxis. Die Kompromißbildung, wie sie etwa in der "laboristischen" Richtung der katholischen Soziallehre als angeblich kühner Vorstoß vertreten wird —daß im Zweifelsfall die Arbeit einen Vorrang vor dem Kapital habe —hat ihre Wirkungslosigkeit schon jetzt bewiesen. Arbeit und Kapital stehen in keiner Weise auf derselben Ebene, ebenso wenig wie "Boden", als Inbegriff von Rohstoffen und Naturgütern, und Arbeit. Man kann sich für solche Gleichstellung keineswegs auf die zitierte Formel des Aquinaten "labor et expensae" (Arbeit und Ausgaben) berufen. Geld und Sachkapital sind reine Mittel gegenüber der Arbeit, die im wirtschaftlichen Zusammenhang nichts weniger als den wertschöpfenden und bedürftigen Menschen vertritt. Geht es außer um den Menschen bzw. seine Vergemeinschaftung um noch etwas anderes in der Wirtschaft? Vielleicht um einige Exemplare des Menschen, die reichlich mit Kapital ausgestattet sind?

Der Chef des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, Gustave Speth, sprach es kürzlich in einem Interview aus: "Der Besitz von 358 Milliardären ist genausohoch wie das Jahreseinkommen von rund der Hälfte der Weltbevölkerung. Die Kluft zwischen den ärmsten 20% der Menschheit und den reichsten 20% hat sich seit 1960 mehr als verdoppelt, und zwar von 30 zu 1 auf 78 zu 1." 35

Dies ist der Erfolg einer prosperierenden, fast auf globalen "Freihandel" eingestellten Weltwirtschaft, die ihren Maßstab am Kapital hat, nicht an der Arbeit, zu schweigen von den Bedürfnissen der Milliarden von Menschen. Die Mainstream-Ökonomen mit ihrer Verkennung der allein ökonomischen Wert freisetzenden Arbeit sowie die Heerschar der angepaßten Medienleute bilden die Helfershelfer dieser Entwicklung. Verschleiert wird, daß jeglicher Gewinn aus zinstragendem Kapital sowie aus Spekulation (mit Währungen und Boden) an anderer Stelle durch wertschaffende Arbeit erwirtschaftet werden muß. Die Illusion eines anders als durch sozial wertvolle Leistung mehrwerdenden Geldes muß gründlich ausgeräumt werden. Ein System, das auf leistungslosen Einkommen aufgebaut ist, erzeugt notwendig Arbeitslosigkeit.

Fixierung auf Arbeit und Leistung statt auf Spiel und Lust?

Man könnte allem Gesagten gegenüber den Einwand machen, es würde der zunehmenden Bedeutung der Freizeit gegenüber der Arbeit nicht genügend Rechnung getragen. Die Sicht sei zu arbeits- und leistungsbetont. Wo bleibt das freie, lustbetonte Spiel der individuellen Fähigkeiten, das z.B. Herbert Marcuse schon vor dreißig Jahren für eine künftige, lustbetonte Gesellschaft forderte und voraussagte ?36 Wo bleibt ferner das "Umsonst" des freien, liebevollen Dienens, das jeder Bezahlung spottet?

Die Antwort lautet: Tatsächlich wird die Berufsarbeit in Zukunft einen wesentlich kleineren Teil unserer Zeit in Anspruch nehmen, und es wäre wünschenswert, wenn der Weg einer Teilung der Arbeit (mit dem bei VW ein bescheidener Anfang gemacht wurde) von den Tarifpartnern beherzter beschritten würde. Solche arbeitsentlasteten, lustvollen Perspektiven in die Zukunft, gar der Gedanke des liebevollen Umsonst sowie des Schenkens dürfen nicht von der verantwortlichen Bewältigung der Gegenwart ablenken. Von Liebe auf Kosten der geschuldeten und möglichen Gerechtigkeit zu sprechen, heißt, sie mißbrauchen. Wir können das Leistungsprinzip nicht übersteigen, bevor wir es erst einmal durchgeführt haben! Dazu gehört auch, daß die Arbeit selbst lustvoll als Beitrag zum sozialen Ganzen erlebt werden kann. "Nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springbrunnen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen — erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden."37

Es ist zunächst einmal an der Zeit, daß die Menschen ihr tatsächliches Recht auf Arbeit, als sinnvolle und vergütete "Dienstleistung" fürs soziale Ganze, wirksam einklagen. Für unvergütete zwischenmenschliche Dienste außerhalb des Wirtschaftssystems bleibt dann noch immer, und dann erst recht, Raum genug.

Anmerkungen
1 Hans-Peter Martin/Harald Schumann, Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Hamburg 1996, 12 f.
2 Karl Marx, Lohn, Preis und Profit, in: MEW, Bd. 16, Berlin 1973.
3 Martin/Schumann, a. a. 0., 18.
4 Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, zuerst 1919, Dornach 1980. — Vgl. dazu näher vom Verfasser: Sprung aus dem Teufelskreis. Logik des Sozialen und Natürliche Wirtschaftslehre, Wien 1997. (ISBN 3-901787-00-3).
5 Claus Offe, "Arbeitsgesellschaft". Strukturprobleme und Perspektiven, Frankfurt/M. — New York 1984, 20.
6 Ebd., 36.
7 Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M. - New York 1996, 24.
8 Ebd., 162.212f.
9 Als wäre "Gesellschaftsvertrag" bisher je etwas anderes als eine Fiktion gewesen, geeignet zur Verschleierung der Machtverhältnisse!
10 Martin Kempe, ebd., 228.
11 Marx formulierte in seiner "Kritik des Gothaer Programms" 1875 die Utopie: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" (Werke 111/2, Darmstadt 1960, 1024). In "Fähigkeiten" steckt ein Arbeits- und Leistungsprinzip, das in dieser Schrift ausführlich erörtert wird: "Die Arbeit, um als Maß zu dienen, muß der Ausdehnung oder der Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab zu sein. Dieses gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an (...)‘ aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien an" (1023 f). Marx zieht allerdings eine künftige Relativierung (das ist nicht Außerkraftsetzung) des Leistungsprinzips in Betracht: 1024.
12 Vgl. J. Heinrichs, Freiheit — Sozialismus — Christentum, Bonn 1978, 43 f.
13 J. Heinrichs, Reflexionstheoretische Semiotik. 1. Teil: Handlungstheorie, Bonn 1980.
14 Vgl. etwa den geschichtlich instruktiven, wenn auch in der systematischen Auswertung vorurteils- und klischeebehafteten Beitrag von Annette Kleinfeld-Wernicke "Zwischen Workoholismus und Freizeitstreben. Auf der Suche nach einem ‚postmodernen‘ Arbeitsethos, in: E. Zwierlein (Hrsg.) Postmoderne Kultur und Wirtschaft. Eine Auseinandersetzung mit Peter Koslowski, Idstein 1993, 97—137. — Weitere Untersuchungen in D. Balkhausen/K. D. Schmidt (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer neuen Arbeitskultur, Trier 1990.
15 So in der Handlungstheorie von J. Heinrichs, a. a. 0., 66—76.
16 Hierzu näher: J. Heinrichs, Ökologik. Tiefenökologie als strukturelle Naturphilosophie, Frankfurt/M 1997, 259—274.
17 Dies ist einer der leitenden Gedanken in John Hormann/Willis Harman, Future Work. Trends für das Leben von morgen, München 1990.
18 Vgl. etwa die Artikel "Leistung", "Leistungsprinzip" im Evangelischen Soziallexikon (~1980), im Katholischen Soziallexikon (21980) oder — ausführlicher — im "Staatslexikon", Freiburg 1987. — Es wird (auch hier) anerkannt, daß das Leistungsprinzip durch ein sozialstaatliches "Belastungsprinzip" im Hinblick auf Schicksalsfaktoren wie Krankheit, Behinderung usw. ergänzt werden muß.
19 Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung, Lauf 1984, 14.
20 Anstelle von langwierigen Belegen aus den Schriften dieser vor-marxschen Klassiker verweise ich auf die großangelegte "Geschichte des Ökonomischen Denkens" von Karl Pribram, 2 Bände, Frankfurt/M. 1992. Dieser ungemein kenntnisreiche Autor bezeichnet die Arbeitswertlehre allerdings als "Arbeitskostenlehre" und verwechselt sie leider — wie bei Fachökonomen üblich — in seiner Kritik mit einer ökonomischen Preisbildungslehre.
21 K. Pribram, a. a. 0., 496.
22 Eigene Übersetzung nach Summa theologiae 11-11, Quaestio 77, Art. 1. — Eine ausgezeichnete Darlegung des Sinns der Arbeitswertlehre im allgemeinen und bei Thomas von Aquin im besonderen findet sich bei Johannes Kleinhappl in der leider erst posthum erschienenen Auseinandersetzung mit seinen kirchlichen Gutachtern: Unus contra omnes, Innsbruck — Wien 1996, 253—277. Die oben aufgeführte Quaestio wurde dort (5.260) irrtümlich mit 87 statt 77 beziffert.
23 Vgl. Hazel Henderson, Das Ende der Ökonomie. Die ersten Tage des nach-industriellen Zeitalters, München 1985, 42. Ähnlich jetzt: Karl-Heinz Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, Darmstadt 1998.
24 Henderson, a. a. 0., 18.
25 J. Rifkin, a.a.0., 216.
26 dt. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Neuauflage Berlin 1987.
27 K. Pribram, Geschichte der ökonomischen Ideen, 937f. 942.
28 H. M. Keynes, Politik und Wirtschaft, Männer und Probleme. Ausgewählte Abhandlungen, Tübingen 1956, 267.
29 John Kenneth Galbraith, Wirtschaft für Staat und Gesellschaft, München 1974, 63.
30 J. J. Galbraith, a. a. 0., 365.
31 Diese "Viergliederung" bildet einen Grundgedanken des in Anm. 4 genannten Buches des Verfassers.
32 J. K. Galbraith, a. a. 0., 370.
33 Ebd., 370.
34 Die oben schon zitierte "Kritik des Gothaer Programms" beginnt mit einer Richtigstellung des ersten Satzes aus dem Programm-Entwurf: "Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur ... ." Marx korrigiert: "Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum) als die Arbeit ... ." (Werke 111/2, Darmstadt 1960, 1016 f). Von einem Übersehen der Naturkompenente kann bei den Vertretern der Arbeitswertlehre keine Rede sein. Marx, der auf solcher Genauigkeit auch in der politischen Auseinandersetzung bestand, kommt nichtsdestoweniger zu wuchtigen Folgerungen: "Im Maße, wie die Arbeit sich gesellschaftlich entwickelt und dadurch Quelle von Reichtum und Kultur wird, entwickeln sich Armut und Verwahrlosung auf seiten des Arbeiters, Reichtum und Kultur auf seiten des Nichtarbeiters. Dieses ist das Gesetz der ganzen bisherigen Geschichte" (1019).
35 DIE ZEIT 25/1997, 21.
36 Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft (Schriften, Bd. 5), Frankfurt/M. 1979.
37 K. Marx, a.a.0., 1024.

Copyright © 2007 Steno Verlag Alle Rechte vorbehalten!