Zeitschriftenaufsätze
/
Buchbeiträge
Johannes Heinrichs
Begriff
und Wert der Arbeit
in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit
Scheidewege
Jahresschrift für
skeptisches Denken
Begründet von
Friedrich Georg
Jünger und Max Himmelheber
Sonderdruck
Jahrgang 28 1998/99
"Jeder Mensch
hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und
befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit.
"
(Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte, Art. 23,1)
Die drohende Einfünftelgesellschaft
Die Arbeitslosigkeit
ist — wieder einmal, jedoch mit bislang nie dagewesener Schärfe
und Grundsätzlichkeit — zum anerkannten wirtschaftlichen
Hauptproblem auf nationaler, europäischer wie globaler Ebene aufgerückt.
Wäre sie nicht so teuer, wegen ausfallender Steuern und anfallender
Sozialleistungen, würde sie als struk- turelles Problem von den
Politikern weiterhin verdrängt wie seit den siebziger Jahren. Angesichts
der Haushaltslöcher gelingt die Verdrängung zugunsten einer
noch prosperierenden Zweidrittelgesellschaft nicht mehr. Die ökonomischen
Pragmatiker bringen das globale Problem inzwischen auf die Proportion
20 zu 80:
"20 Prozent
der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im kommenden Jahrhundert
ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. (...) ‚Sicher‘,
sagt der US-Autor Jeremy Rifkin, Verfasser des Buches ‚Das Ende
der Arbeit‘, ‚die unteren 80 Prozent werden gewaltige Probleme
bekommen‘. (...) Nüchtern diskutieren die Manager die möglichen
Dosierungen, überlegen, wie denn das wohlhabende Fünftel den
überflüssigen Rest beschäftigen könnte. Soziales
Engagement der Unternehmen sei beim globalen Wettbewerbsdruck unzu-
mutbar, um die Arbeitslosen müßten sich andere kümmern.
Sinnstiftung und Integration erwarten sich die Diskutanten vom weiten
Feld der freiwilligen Gemeinschaftsdienste, bei der Nachbarschaftshilfe,
im Sport- betrieb oder in Vereinen aller Art."1
Ungebrochener, nicht
befriedigter Bedarf an Dienstleistungen
Die Arbeit soll
ausgegangen sein — obwohl jedermann den Bedarf an Dienstleistungen
spürt, wenn die Post und Bürozeiten immer kürzer werden,
die Schulklassen immer noch zu groß, die Hochschullehrerstellen,
alle möglichen Stellen im öffentlichen Dienst wie in der Industrie
gestrichen werden. Vom Bedarf an arbeitsinten- siven Maßnahmen
für Städteverschönerung, Gebäude- und Landschaftspflege
für eine biologische (arbeitsintensivere) Landwirtschaft oder etwa
für Krankenpflege und Betreuung bedürftiger Menschen ganz
zu schweigen.
Neu ist die Entwicklung,
daß das Bruttoinlandsprodukt wächst und gleichzeitig auch
die Arbeitslosenzahlen, daß große Konzerne Gewinne verbuchen
und gleichzeitig Arbeitskräfte entlassen, die von den unter zunehmenden
Existenzdruck geratenen kleinen und mittleren Unternehmen auch nicht
aufgefangen werden können. Rationalisierung der Arbeit durch Maschinen,
vollautomatische Fertigung und Computer ist der eine Grund für
diese Entwicklung. Er erklärt aber nicht zureichend die anderen
Sparmaßnahmen. Dafür muß der andere Grund benannt werden:
Die Arbeit ist im gegenwärtigen Wirtschaftssystem zu teuer geworden.
Der grundlegende
Widerspruch: Arbeit zu teuer und zugleich überflüssig
Es gilt, den grundlegenden
Widerspruch zu erkennen: Die Arbeit würde gebraucht — sie
ist nur dem derzeitigen System zu teuer geworden, das technologische
Arbeitslosigkeit produziert. Sie ist keineswegs "aus- gegangen"
wie ein Rohstoffvorrat, sondern kostbarer geworden als alles andere.
Auf der anderen Seite wird der "Gebrauch" dieses kostbaren
Gutes vermieden — als handele es sich um eine unwiederbringlich
dahin- schwindende Quelle fossilen Brennstoffs. Es sei denn, man wählte
den Weg, den K. Marx als die allgemeine Tendenz der kapitalistischen
Produktion beschrieben hat: "den durchschnittlichen Lohnstandard
nicht zu heben, sondern zu senken oder den Wert der Arbeit bis zu seiner
Minimalgrenze zu drücken" •2 Die oben zitierten, SPIEGEL-geschulten
Autoren der "Globalisierungsfalle" scheuen sich nicht zu fragen,
ob jener alte Warner am Ende doch Recht behalte, angesichts einer kapitalistischen
"Gegenreform von historischer Dimension: Rückwärts geht
es in die Zukunft, und Gewinner wie Heinrich von Pierer, der Chef des
Weltkonzerns Siemens, triumphieren: ‚Der Wettbewerbswind ist zum
Sturm geworden, und der richtige Orkan steht uns noch bevor‘."3
Sehen wir uns den
besagten Widerspruch genauer an: Die Arbeit ist so aufgewertet worden,
daß sie nicht mehr bezahlt werden kann — außer durch
Ausweichen in und verhüllte Ausbeutung der jetzigen Billiglohnländer.
Der andere Ausweg, der vom industriellen Kapital auf längere Sicht
gesucht wird, ist: Reduzierung der lebendigen Arbeit durch Maschineneinsatz,
das heißt: tendenzielle Ausschaltung des Menschen aus der Wirtschaft
durch die in den Maschinen vorgetane Arbeit. Wohlgemerkt, auch in den
Maschinen steckt Arbeit, geistige wie körperliche, doch wird diese
Arbeit in ihrer Vergegenständlichung tendenziell unkenntlich: Sie
wird auf Dauer vergessen.
Auch die Dienstleistungen
werden nach Möglichkeit von Automaten übernommen werden. Doch
wurde das automatische Stubenmädchen für die Hotelzimmer noch
nicht erfunden. Auch die Küche scheint immer noch weitgehend von
lebendigen Köchinnen und Köchen besorgt zu werden. Überhaupt
die häusliche Arbeit widersetzt sich — trotz eindrucksvoller
Maschinenparks in den Haushalten — der vollständigen Automatisierung.
Die Tendenz des
zweiten und dritten Maschinenzeitalters hat sich noch längst nicht
erschöpft, sie wird allerdings nie vollständig an ihr Ziel
kommen: die menschliche Arbeit völlig durch Maschinenarbeit zu
ersetzen. Das Szenario von menschenleeren Fabriken und landwirtschaftlichen
Betrieben, "virtuellen" Büros und Schulen, vollautomatisierten
Küchen usw. sollte uns nicht übermäßig erschrecken:
Für ein mit Lächeln serviertes Menü, eine persönliche
Auskunft und Bedienung sowie für giftfrei gewonnene Lebensmittel
wird auch der künftige Verbraucher dankbar sein.
Die Tatsache, daß
die Frauen als früher minimal vergütete Hausdienerinnen weiterhin
ins Wirtschaftsleben drängen, spielt eine erhebliche Rolle für
die Entwicklung der Arbeitslosenziffern. Selbstverständlich ist
dieser nicht durch Rückwärtsbewegung Rechnung zu tragen, sondern
durch Anerkennung und Vergütung der Hausarbeit als sozialer Leistung.
Preis der Arbeit
beruht nicht auf ihrer Wertschätzung
Die Aufwertung der
menschlichen Arbeit in ihrem Preis (als Ware) geht keineswegs mit ihrer
inneren Hochschätzung als spezifisch menschlicher Tätigkeit
einher. Arbeit ist vielmehr im allgemeinen das zu Vermeidende, vor allem
solche im Dienste anderer, als abhängige Arbeit. Dienstleistungen
haben in der "nachindu- striellen Gesellschaft" (Daniel Beil)
zwar ungeheuer an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen, jedoch dienen
will keiner, wohl verdienen. Der Gedanke des gesellschaftlichen Dienstes,
der mit der Arbeit im Maße der ge- wachsenen Arbeitsteilung verbunden
sein könnte oder sollte, hat keine Konjunktur. Woran liegt das?
Die kurze Antwort darauf lautet: Solange Arbeit lediglich als Ware betrachtet
wird, die ihren Preis hat, steht dies in krassem Widerspruch zum Charakter
der Arbeit als der Weise, wie sich der Mensch dienend und mitwirkend
ins gesellschaftliche Ganze einbringt. Hierin liegt eine diesbezügliche
Grundeinsicht Rudolf Steiners, wenn- gleich seine Idee einer "Dreigliederung
des sozialen Organismus" (in Wirtschaftsorganisation, Rechtsstaat
und Geistesleben) nicht genügend konkret, realistisch und auf unzureichend
"professionellen" handlungs- und sozialtheoretischen Grundlagen
ausgeführt wurde.4
Das Elend der Arbeitslosigkeit
kann bekanntlich durch Arbeitslosengeld — abgesehen von dem volkswirtschaftlichen
Problem — nur gemildert, nicht aufgehoben werden. Zur naturgemäßen
Ganzheit des Menschen gehört die soziale Partizipation, die Einheit
von Selbstbezug und Sozialbezug. Deren Gelingen heißt "Freiheit".
Ein Mensch behält weder ein gesundes Selbstbewußtsein im
psychologischen Sinn noch Freiheit, wenn er gegen seinen Willen arbeitslos
ist. Abgesehen von "ehrenamtlichem" Engagement fehlt ihm die
erlebbare Hinordnung auf das soziale Ganze. Seine naturgemäßen
Bezüge sozialer Art stellen sich auch dann nicht her, wenn er durch
den Wald wandert (obwohl der Wald ein archetypisches Gesellschaftssymbol
ist) oder wenn er den Rest seines Arbeitslosengeldes bzw. der Sozialhilfe
im Kreis von ohnmächtigen Schicksalsgenossen vertrinkt oder in
Drogen "anlegt".
Dem aufgezeigten
Grundwiderspruch des Systems, daß Arbeit einerseits zu teuer,
anderseits überflüssig gemacht wird, entspricht der Widerspruch
zwischen überanstrengten Arbeitsplatzbesitzern, die im Zuge der
Einsparungen oft die Arbeit von zweien bewältigen müssen,
und der ständig wachsenden "Reservearmee" von Millionen
Menschen, die eine sinnvolle wie zugleich nahrhafte Beteiligung am sozialen
und wirtschaftlichen Leben suchen — und sich als Outcasts, als
lästige und wertlose Außenseiter der Gesellschaft, fühlen
müssen. Allein in der Europäischen Union sind es offiziell
18 Millionen, de facto wahrscheinlich doppelt so viele, wenn man Sozialhilfeempfänger,
aus sozialer Scham "Selbständige" und von den Familien
Mitversorgte, unfreiwillige Allzufrüh-Rentner usw. mitzählt.
Das entsprechende Elend auf Weltebene bleibt — was die Arbeitslosenstatistik
angeht —zum Teil unter dem Schleier dortiger "frühkapitalistischer"
Verhältnisse verborgen.
Leben wir noch in
einer "Arbeitsgesellschaft"?
Man könnte
hier den Einwand bringen — und dieser wurde zum Beispiel von dem
Habermas-Schüler Claus Offe in seinem Buch "Arbeitsgesellschaft"
in soziologischer Sprache vorgebracht — daß die Kategorie
Arbeit sich überholt habe. "Gibt es solche Anhaltspunkte für
eine objektiv abnehmende Determinationskraft der Tatbestände von
Arbeit, Produktion und Erwerb für die Gesellschaftsverfassung und
die Art der Gesellschaftsentwicklung insgesamt? Wird die Gesellschaft
objektiv weniger durch die Tatsache der Arbeit geprägt werden?
(...) Kann man, trotz der fortbestehenden Tatsache der Erwerbsabhängigkeit
des ganz überwiegenden Teils der Bevölkerung davon sprechen,
daß Arbeit individuell und kollektiv weniger zentral geworden
ist, — sozusagen von einer Implosion der Arbeitskategorie?"5
Offes Antwort: "Nicht nur objektiv ist die Arbeit aus ihrem Status
als einer zentralen und selbstverständlichen Lebenstatsache verdrängt
worden, sondern auch subjektiv hat sie — im Einklang mit dieser
objektiven Entwicklung, aber in Diskrepanz zu den offiziellen Werten
und Legitimationsmustern der Gesellschaft — diesen Status im Motivhaushalt
der Arbeitenden eingebüßt."6
Wir sind hier an
der für die Zukunft der Arbeit zentralen Frage: Gibt es andere
Weisen der Partizipation sowie des Dienstes am sozialen Ganzen, einschließlich
der Vergütung durch die Gesellschaft, welche die Arbeitskategorie
in absehbarer Zeit ersetzen können? Wobei "Arbeit" nicht
allein als Produktion und Bearbeitung der materiellen Natur verstanden
wird, sondern als jegliche (zu vergütende) Dienstleistung für
die Gesellschaft. Offe und seine Mitautoren zeigen solche Alternativen
nicht auf.
Das »Ende
der Arbeit« und die Bedeutung des »Dritten Sektors"
nach Rifkin
Am dramatischsten
hat in jüngster Zeit der schon erwähnte Jeremy Rifkin vom
"Ende der Arbeit" gesprochen. Die Informations- und Kommunikationstechnologien
würden im Zusammenwirken mit den Marktkräften die Weltbevölkerung
in zwei sich feindlich gegenüberstehende Lager spalten: in eine
kosmopolitische Elite von ‚Symbolanalytikern‘ oder Wissensverwaltern,
in deren Händen die Entwicklung neuer Technologien und die Kontrolle
über die neuen Produktionsfaktoren liegen wird, sowie in eine immer
breiter werdende Schicht von Arbeitslosen. "Ob wir einer hellen
oder einer düsteren Zukunft entgegengehen, das hängt vor allem
davon ab, wem der Produktivitätsgewinn des Informationszeitalters
zugute kommen wird. Um ihn gerecht zu verteilen, bedarf es einer weltweiten
Verkürzung der Arbeitszeit und einer gemeinsamen Anstrengung aller
Regierungen, um im Bereich der sozialen Wirtschaft neue Arbeitsplätze
für alle die Menschen zu schaffen, die in der Privatwirtschaft
nicht mehr gebraucht werden."7 Rifkin spricht vom Non-Profit-Bereich
oder dem Dritten Sektor (neben Markt und Staat). "Dann kann sich
ein gesellschaftliches Leben entwickeln, das sich von dem des marktwirtschaftlichen
Zeitalters genauso sehr unterscheidet, wie dieses sich vom Feudalismus
des Mittelalters unterschieden hat." "Die Hilfsorganisationen
und politischen Initiativen des Dritten Sektors sind zum Blitzableiter
für die Frustrationen der immer zahlreicheren Arbeitslosen geworden.
Wenn sie es schaffen, den Geist der demokratischen Teilhabe zu stärken
und zugleich unseren Gemeinschaftssinn wieder aufleben zu lassen, dann
könnte der Dritte Sektor uns als Vorreiter in die post-marktwirtschaftliche
Ära führen."8
Was Rifkin in beredter
Weise vorschlägt, läuft jedoch — abgesehen von der selbstverständlich
zu akzeptierenden Maßnahme der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung!
— auf eine Zweiteilung von wirtschaftlichem Leben einerseits und
dem "Dritten Sektor" ehrenamtlicher und kultureller Aktivität
anderseits hinaus, der übrigens starker sozialstaatlicher Regulierung
bedürfte.
Eine solche Zweiteilung
kann wohl nur als ein Notbehelf im Übergang zu einer auch in sich
menschenwürdigen und gerechteren Wirtschaft akzeptiert werden.
Sie würde die von ihm selbst benannte neue Version des Klassenproblems
nicht lösen und die Marktwirtschaft daneben eine inhumane Veranstaltung
bleiben lassen. Sie würde auch das Problem der Entmachtung von
Staat und gesellschaftlicher Gemeinschaft durch die Macht der multinationalen
Unternehmen nicht lösen.
Die Konstruktion
eines "Dritten Sektors" neben Staat und Markt läßt
sich ferner demokratietheoretisch nicht halten: Markt selbst, vor allem
der optimal freie, ist eine staatlich abgesicherte (strukturelle, nicht
körperschaftliche) Institution, und der sogenannte Dritte Sektor
funktioniert ebenfalls nicht ohne (kultur)staatliche Obhut. Er stellt
weitgehend eine Beschreibung für die kulturelle, gemeinschaftsbildende
Ebene der Gesellschaft dar. Rifkin geht davon aus, daß der "Dienstleistungssektor"
die technologische Arbeitslosigkeit auch nicht auffangen könne.
Dies ist jedoch nur richtig, solange dieser Sektor ebenso wie die Produktion
fest im Griff des kapitalistisch-monetären Systems verbleibt. Unter
der Voraussetzung eines anderen, nicht akkumulierenden Geldsystems würde
der "Dritte Sektor" zu dem gesellschaftlich-gemeinschaftlich
(formell oder informell) honorierten Dienstleistungen gehören!
Frage nach einem
"alternativen" Verteilungsschlüssel
Um die Fragen eines
"neuen Gesellschaftsvertrages", wie auch Rifkin sich euphemistisch9
ausdrückt, also von Grund auf anzugehen, bedarf es des oben schon
eingeführten erweiterten Arbeitsbegriffes als Schlüssel gesellschaftlicher
Vergütung. Im Nachwort des Rifkin-Buches formuliert Martin Kempe,
m.E. in gedanklicher Spannung zu Rifkins Ansatz: "Wenn der marktwirtschaftliche
Prozeß aus sich selbst heraus nicht mehr in der Lage ist, das
gesamte gesellschaftliche Arbeitsvermögen zu mobilisieren, muß
eine auf Vollbeschäftigung zielende Politik anders ansetzen. Die
soziale Krise kann dann nur durch eine neue Arbeitspolitik gelöst
werden, also durch eine Neugestaltung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens
mit dem Ziel der Teilhabe aller an existenzsichernder Erwerbsarbeit."‘0
Wovon sollen das
Einkommen (im weitesten Sinne), der Lebensstandard und die soziale Befriedigung
(satisfaction) eines Menschen bzw. seiner Familie in der künftigen
Gesellschaft abhängen? Von Grund- und Bodenbesitz wie ehedem? Von
der Zahl der Nachkommen wie einst für die "Proletarier",
die für sein Alter im "Generationenvertrag" sorgen. Von
Durchsetzungsvermögen und Glück beim Gütererwerb (um
nicht "Erwerbstätigkeit" zu sagen)? ("Fortune",
Glück, hieß auf Französisch immer schon, lange vor der
Leistungsgesellschaft, "Vermögen".) Von der Zugehörigkeit
zu einer sozialen Schicht wie in alten Kasten- und Feudalsystemen? Von
Schönheit oder von angeborenen Fähigkeiten? Doch Fähigkeiten
kommen erst durch Ausbildung, Ausübung und Fleiß zur Entfaltung.
Hiermit kämen wir schon wieder in die Nähe eines Arbeits-
und Leistungsbegriffs. Vielleicht erübrigt sich die Frage in einer
"Überflußgesellschaft", weil jeder nach seinen
Bedürfnissen1‘ alles erhalten kann? Von einer Überflußgesellschaft
sind wir jedoch weltweit weit entfernt, selbst in den noch bestehenden
Wohlstandsgesellschaften heute weiter, als man sich in den fetten Jahren
träumen ließ. Auch ein Mindesteinkommen ohne Arbeit, eine
Art Bürgergeld — in Frankreich soll ein solches an eine sozial
oder kulturell nützliche Arbeit oder an den Besuch von Fortbildungskursen
gekoppelt werden — wäre keine Antwort auf die Fragen, wovon
die verbleibenden Einkommensunterschiede abhängen sollen.
Keine Alternative
zu einer Art "Leistungsprinzip «
Die Fragen so stellen,
heißt zu erkennen, daß es zu irgendeiner Form dienstleistender
Teilhabe, zu dem Prinzip "Teilhabe nach dem Maße der Teilgabe"‘2,
die bis zum Abbruch eines Schlaraffenlandes keine ernsthafte Alternative
gibt, will man an irgendeiner Form der sozialen Gerechtigkeit festhalten.
Wohl ist es sinnvoll, gar notwendig, den Arbeitsbegriff klarer von der
Seite der sozialen Dienstleistung her zu akzentuieren und damit zu erweitern
gegenüber einem primär an der Objektbearbeitung orientierten
Auffassung von Arbeit als Produktion von Gütern. Selbst der traditionelle
Arbeitsbegriff hatte — bei Licht besehen — stets die gesellschaftliche
Komponente. Arbeit war immer mehr als Objektbearbeitung, nämlich
sozial ausgerichteter Objektbezug, was durch das Wachsen der Arbeitsteiligkeit
verstärkt wurde. Ein erweiterter Arbeitsbegriff würde jedoch
alle sozialen, kulturellen und künstlerischen Leistungen einschließen
müssen, nicht zuletzt auch Hausarbeit und pflegerische Dienste.
Der Begriff »Arbeit«
im Gesamt des menschlichen Handelns
In der Antike war
Arbeit nur eine, und zwar die am geringsten bewertete Art von menschlicher
Tätigkeit. Aristoteles unterschied:
1. »Poiesis«
oder "ergomazai« ‚ das handwerklich herstellende, für
die materielle Existenzsicherung notwendige und zugleich mühevolle
Schaffen, das zu jener Zeit nur von den einfachen Leuten und den Sklaven
ausgeführt wurde. Zu solcher Arbeit als Poiesis wurde damals auch
die künstlerische, besonders bildhauerische Tätigkeit gerechnet.
2. "Energein«‚
das rein sich selbst verwirklichende, primär geistige Tätigsein,
das Muße als Freisein von allen anderen Aktivitäten voraussetzt,
z. B. als Streben nach höchster Einsicht in Form von Philosophie.
Es war, wie das »prattein" ‚ den höher gestellten,
freien Bürgern vorbehalten.
3. "Prattein«‚
das soziale und ethisch relevante zwischenmenschliche Handeln, sei es
um der Verwirklichung des Guten und der eigenen Vervollkommnung willen,
sei es im Dienste der Polis-Gemeinschaft.
Diese drei Begriffe
von Tun oder Handeln finden sich mit gewandeltem Sinn annähernd
in der Handlungsklassifikation gegenwärtiger Handlungstheorie wieder.
Es lassen sich folgende große Handlungsgenera, nach dem Grade
ihrer Reflexivität gestuft, unterscheiden‘3
1. Objektgerichtet-physisches
Handeln (Sammeln, Bearbeiten, Bauen, Herstellen, Transportieren, Sichbewegen,
Handeln im kaufmännischen Sinne)
2. Innersubjektives
Handeln, (Entscheidungshandeln, Denken, Lernen)
3. Soziales Handeln,
das sich — nach Max Webers Definition — am Verhalten und
den Erwartungen anderer orientiert.
4. Ausdruckshandeln
oder mediales Handeln (Gestik, Zeichengebrauch, Gemeinschaftsausdruck
bis hin zu Sprache und Kunst, die Formen von sich selbst regulierendem
Meta-handeln darstellen).
(Diese vier großen
Typen von Handlungen werden in der angeführten Handlungstheorie
vielfältig weiter untergliedert.)
Den vierten Handlungstyp,
Ausdruckshandeln, hat Aristoteles, der noch keine systematische Handlungstheorie
versucht hat, nicht unterschieden. Die künstlerische "Poiesis"
wurde bei ihm von der handwerklichen Herstellung nicht grundsätzlich
unterschieden, was dem sozialen Status und Ansehen der Künstler
als Handwerker entsprach. Die bei ihm unterscheidbaren drei Tätigkeitsarten
bilden keine systematische Stufung nach dem Grade ihrer Reflexivität,
sondern eher soziale Tätigkeitsformen.
Heute läßt
sich eine klassenbedingte Unterscheidung zwischen Poiesis (1) und Praxis
(2) selbstverständlich nicht mehr aufrechterhalten, selbst wenn
Poeisis als handwerkliche Objektbearbeitung und als künstlerisches
Ausdruckshandeln unterschieden wird.
Was die Selbstverwirklichung
in der Muße angeht, so wird diese heute in anderer Form gesucht
als im Streben nach Einsicht: in zerstreuenden und attraktiven Freizeitaktivitäten.
Dem alten Klassengegensatz von Arbeitenden und zu Muße fähigen
"Freien" entspricht
— erstens
der fragwürdige zeitgenössische Dualismus von meist als lästig
empfundener Arbeit und als eigentliche Lebenserfüllung angesehener
(bezahlter) Freizeit bei denselben Menschen,
— zweitens
der neue Gegensatz von Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen,
— drittens
weiterhin der "klassische" Gegensatz von solchen Menschen,
die Arbeitseinkommen nötig haben, und solchen, die von Kapital-
und Landzins, das heißt von der Arbeit anderer leben können.
Es geht in diesem
Rahmen nicht um den — in philosophischen Lexikon-Artikeln zu "Arbeit"
und anderswo mehr oder weniger befriedigend versuchte‘4 —
Geschichte des Arbeitsbegriffs. Es genüge hier die Feststellung,
daß bei der als "sozialem Objektbezug«‘5 verstandenen
Arbeit das Moment der Natur-Bearbeitung hinter dem der sozialen Dienstleistung
zurückgetreten ist. Es dürfte sinnvoll und ausreichend sein,
allein dieses letzte Element als definitorisch für den Arbeitsbegriff
anzusehen, allerdings mit der Unterscheidung:
materiell vergütete soziale Dienstleistung
nicht materiell vergütete soziale Dienstleistung
Die so verstandene Arbeit kann primär objektbezogen sein (z. B.
handwerkliche, industrielle, landwirtschaftliche Arbeit), unmittelbar
sozialbezogen (Dienstleistungen) oder "geistige Arbeit «
als primär auf Sinngehalte bezogene Arbeit (z. B. künstlerische
und gedankliche Arbeit) sein. Bei all diesen deutlich verschieden akzentuierten
Arbeitsformen ist dennoch die Ganzheit der anthropologischen Dimensionen
(Körper, Seele, Geist) und Funktionen anzustreben.‘6 Entscheidend
ist bei aller notwendigen Arbeitsteilung die Ganzheit der gesellschaftlichen
Hinordnung, also der als sinnvoll erfahrene Beitrag zur Wirtschaftsgemeinschaft,
letztlich zur Menschheit als ganzer.
Das psychologische
Moment der Mühe sollte nicht in eine heutige Definition von Arbeit
aufgenommen werden. Auch wenn der Arbeitsbegriff historisch mit Mühe
und Arbeitsleiden assoziiert wurde und ein großer Teil der Arbeit
noch immer mühevoll, mit Unlustgefühlen verbunden ist, so
läßt sich einerseits Mühe denken, die keinen unmittelbaren
Sozialbezug hat, also nicht unter den hier vorgeschlagenen Arbeitsbegriff
fällt, z. B. sogenannte "Körperarbeit" und seelische
"Arbeit" an sich selbst. Anderseits braucht Arbeit als sozialer
Dienst keineswegs vorwiegend mühsam und durch Unlustgefühle
geprägt sein. Im Gegenteil wäre anzustreben, daß Arbeit
in fortschreitendem Maße mit Lustgefühlen des Leistenkönnens
sowie der sozialen Befriedigung verbunden wird, daß somit die
Arbeit selbst zu einem bedeutenden Teil der persönlichen Selbstverwirklichung
wird bzw. als solcher erfahren und anerkannt wird.‘7
Arbeitswertlehre
gleich Leistungsprinzip
Wenn Arbeit soziale
Dienstleistung im weitesten Sinn bedeutet — gleich ob sie psychologisch
mit mehr Mühe oder mehr Lust und Befriedigung oder mit einer charakteristischen
Mischung und wechselweisen Steigerung beider Komponenten verbunden ist
—‚ dann zeigt sich ferner, daß eine richtig verstandene
Arbeitswertlehre identisch ist mit dem in der kapitalistischen Wirtschaft
offiziell hochgehaltenen Leistungsprinzip, sofern dieses nicht als Ellbogen-
und vordergründiges Erfolgsprinzip verstanden, sondern auf eine
gerechte Proportion von sozial wertvoller Leistung und Vergütung
bezogen wird.‘8 Ob die "sozial wertvolle Leistung" eine
wirtschaftliche Wertschöpfung im heutigen Sinn genannt werden kann,
dies eben stellt sich als Frage der sozialen Tauglichkeit der theoretischen
und praktischen Ökonomie selbst.
Es braucht nicht
ausführlich ausgeführt zu werden, daß eben dieses Leistungsprinzip
in der kapitalistischen Wirtschaft — entgegen der offiziellen
Doktrin, besser Ideologie — aufs schwerste verletzt wird: eben
durch die ständige Honorierung des leistungslosen Einkommens durch
den Zinseszinsmechanismus. Daß Silvio Gesell, der Initiator einer
"freiwirtschaftlichen" Bewegung für "Natürliche
Wirtschaftsordnung" das Leistungsprinzip in hohem Maße bejahte,
bedarf keines langen Nachweises mehr. Definierte er doch die Natürliche
Wirtschaftsordnung als "eine Ordnung, in der die Menschen den Wettstreit
mit der ihnen von der Natur verliehenen Ausrüstung auf vollkommener
Ebene auszufechten haben, wo darum dem Tüchtigsten die Führung
zufällt, wo jedes Vorrecht aufgehoben ist".‘9
Ablehnung der Arbeitswertlehre
vom Mainstream der Fachökonomen
Um so verwunderlicher
ist jedoch, daß "freiwirtschaftliche" wie kapitalistische
Fach-Ökonomen die Arbeitswertlehre fast einmütig ablehnen.
Beiden Seiten scheint diese Lehre "marxistisch", womit gemeint
sein soll: auf Marx rückführbar. Beide Seiten verbinden damit
gern den nicht-marxschen Horror-Gedanken einer staatlichen Planwirtschaft.
Dabei ist zumindest dies klar, daß der Urvater einer liberalistischen
Ökologie, Adam Smith, und in seinem Gefolge David Ricardo die Lehre
vertreten haben, daß allein durch Arbeit neue wirtschaftliche
Werte (durch Bearbeitung und Bereitstellung der vorhandenen Naturgüter)
geschaffen werden.20
Unterscheidung von
Wert und Preis
Nun ist zuzugestehen,
daß bei den Klassikern der liberalistisch-kapitalistischen Ökonomie
der Grundgedanke der Arbeitswertlehre im Sinne des Leistungsprinzips
noch nicht unterschieden wird von einer quantitativen Lehre von der
Herausbildung der Preise durch den Markt. Es ist ferner zuzugestehen,
daß auch Karl Marx damit gescheitert ist, die Arbeitswertlehre,
die er bekanntlich mit der Lehre vom Mehrwert (d. h. der Ausbeutung
der wertschaffenden Quelle Arbeit durch die Unternehmer bzw. Geldkapitalisten)
verband, quantitativ zu operationalisieren zu einer Preisbildungstheorie.
"Wenn Marx das Verdienst zugesprochen wurde, er sei der erste Autor
seit François Quesnay gewesen, der ein mathematisches Modell
der Ökonomie entworfen hat, so ist dieses Verdienst durch seine
fragwürdige Verwendung mathematischer Verfahren freilich wieder
geschmälert worden. "21
Es soll hier somit
ausdrücklich unterschieden werden zwischen der Lehre vom allein
wertschaffenden Charakter der Arbeit und einer ökonomisch-mathematischen
Preisbildungstheorie.
Die Unterscheidung
von "natürlichem Wert" und Preis einer Ware findet sich
übrigens schon bei Thomas von Aquin, ebenso wie der Grundgedanke
der Arbeitswertlehre. So heißt es unter der Überschrift "Ob
jemand erlaubterweise eine Sache teurer verkaufen darf, als sie Wert
hat", heißt es in der entscheidenden Antwort: "Wenn
also der Preis die Wertgröße (quantitatem valoris rei) übersteigt,
oder umgekehrt die Sache den Preis übersteigt, wird die Gerechtigkeit
verletzt."22
Die Formel für
die Wertbestimmung eines Gutes im Sinne einer Arbeitswertlehre (in Anschluß
an Aristoteles) lautet beim Aquinaten: "labor et expensae",
Arbeit und Ausgaben.
Dreifacher Fehler
der ökonomischen Orthodoxie
Wenn Ökonomen
meinen, weil die Arbeitsleistung in ihren Preisbildungstheorien keinen
so beherrschenden Platz einnimmt, sei der Grundgedanke der Arbeitswertlehre
damit widerlegt oder auch nur belanglos geworden, begehen sie damit
einen mindestens dreifachen Fehler: 1. Sie unterscheiden nicht zwischen
der sozialethischen Frage nach der Herkunft des ökonomischen Wertes
und der ganz anderen Frage nach den Faktoren der marktabhängigen
Preis- und Einkommensbildung. 2. Sie nehmen den faktischen Prozeß
der Preisbildung in unserer kapitalistischen Gesellschaft für die
unbefragte Norm. 3. Sie definieren den schwer faßbaren Faktor
Arbeit meist so aus dem Preisbildungsprozeß hinaus, daß
er allenfalls als quantitativer Preis-Faktor, doch nicht mehr in seinem
Spezifischen als menschliche Aktivität und gesellschaftliche Dienstleistung
erscheinen kann. Dem entspricht die Abkoppelung der Ökonomie von
den Sozialwissenschaften, ihre Einigelung in ein "Fach".
Wir brauchen uns
nicht weiter auf das Gebiet der Fachökonomie zu begeben, um Folgendes
zu erkennen: Wenn Ökonomen der menschlichen Arbeit nicht ihren
angemessenen Stellenwert im wirtschaftlichen Leben einräumen, wenn
sie mit der Arbeit den Menschen aus ihren Gleichungen herausdefinieren,
erfüllen sie Handlangerdienste für ein System, das seine Prosperität,
sein Scheingedeihen, an betrieblichen und volkswirtschaftlichen Profiten
mißt, nicht aber an dem, wofür die ganze Veranstaltung Ökonomie
dasein sollte: am Menschen und seinem Wohlergehen. Die nationale, europäische
und demnächst (nach hinreichender Ausbeutung der Billigarbeitländer)
globale Arbeitslosigkeit ist Folge dieser Art von ökonomischem
Denken.
Solange das Medium
(Mittel!) Geld zum Maßstab aller ökonomischen Wertschöpfung
gemacht wird statt die wertschaffende Quelle Mensch, seine Arbeit und
seine Bedürfnisse, dürfte das harte Urteil der amerikanischen
Ökonomie-Kennerin und Futurologin Hazel Henderson zutreffen: "Die
Ökonomie ist keine Wissenschaft, und wirtschaftspolitische Maßnahmen
sind heute zu wichtig, als daß man sie den Ökonomen überlassen
dürfte."23 Solche Ökonomie beschreibt nicht allein die
verfahrene Situation, sie schafft sie vielmehr aktiv mit, und dies nicht
wegen zu großer Rationalisierung, sondern wegen Unterfunktion
der (selbst)kritischen Vernunft.
Die Ökonomie
ist anscheinend — trotz unbestreitbarer fachinterner Leistungen
— in ihrem Mainstream noch nicht aus dem Stadium des vorkritischen
Dogmatismus herausgetreten. Kant beendete dieses Stadium in der Philosophie,
indem er das reflexive Prinzip der "Handlungen des Verstandes"
statt des unmittelbaren Losgehens auf Objekte zum Maßstab machte.
Die als selbständige Wissenschaft erst gut hundert Jahre alte Ökonomie
würde ihr dogmatisches Stadium erst überwinden, wenn sie eine
Handlungswissenschaft und somit in viel höherem Maße Sozialwissenschaft
würde, die ihre Grundbegriffe dementsprechend einführte. Sie
könnte dann nicht mehr so hochnäsig das Wertproblem als für
sie irrelevant ignorieren. Wie Henderson zu zeigen versucht —
ohne allerdings bisher ein alternatives Geldsystem ausführlicher
zu diskutieren, "sind Wertsysteme — weit davon entfernt,
‚subjektiv‘ oder ‚peripher‘ zu sein, bloß
weil sie unbequemerweise nicht quantifizierbar sind — die beherrschenden,
treibenden Variablen in allen ökonomischen und technologischen
Systemem."24
Der heute geläufige
Ruf nach "neuen Werten" bleibt Ablenkungs-Ideologie, wenn
nicht die wertschaffende Arbeitsleistung des Menschen und die ihn leitenden
Bedürfnisse zum Maßstab eines vernünftigen Wirtschaftens
gemacht werden. "Unsere Politiker aber reden von Arbeitslosigkeit
und Kriminalität — den drängendsten Problemen unserer
Zeit — immer noch so, als gäbe es zwischen ihnen keinen Zusammenhang.
Sie weigern sich anzuerkennen, daß technologisch bedingte Massenentlassungen
zur Entstehung einer Schicht von Gesetzlosen führen. "25
Eine normative Fassung
von John M. Keynes‘ Theorie?
Um nicht bei einer
bloß abwehrenden Ökonomen-Schelte zu bleiben, sei die Frage
aufgeworfen, ob von dem eben aufgestellten Postulat her nicht zum Beispiel
die wirkungsmächtige Theorie von John Maynard Keynes, die er 1936
unter dem Titel "The General Theory of Employment, Interest and
Money"26 vorlegte, von einer deskriptiven zu einer normativen Steuerungs-Theorie
gewendet werden kann. Keynes beanspruchte, eine allgemeine Beschäftigungstheorie
entwickelt zu haben. Er wollte beweisen, daß das Gleichgewicht
der Wirtschaft auf unterschiedlichen Beschäftigungsniveaus erreicht
werden kann und daß das früher postulierte Vollbeschäftigungsgleichgewicht
nur einen Fall aus einer großen Vielzahl ökonomischer Bedingungen
darstellt. Daher gab er die grundlegende Annahme des "Arbeitswertlehrers"
Ricardo auf, daß das Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung
unentbehrlicher Bestandteil jedes theoretischen Wirtschaftsmodells sei.
Beruhte diese Annahme von Ricardo nicht bereits auf einem implizit eingeführten
normativen Element, einer Sollwertsetzung: daß Arbeit den Maßstab
wirtschaftlicher Wertschöpfung liefern sollte? Besteht keine Möglichkeit,
diese Annahme auf entwickelterem Niveau der ökonomischen Theorien
explizit und bewußt normativ zum Ausgangspunkt zu nehmen?
Keynes vertraute
nicht darauf, daß die in der Tauschwirtschaft wirksamen Kräfte
ein Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung herstellen und hielt eine
verantwortliche Wirtschaftspolitik mit der traditionellen Auffassung
der Ökonomie als Wechselspiel zwischen Löhnen und Preisen
für unvereinbar. "Führt man das Keynessche Wirtschaftsmodell
auf seine Bestandteile zurück, so erweisen sich als ‚letzte
unabhängige Variable‘: (a) drei grundlegende psychologische
Faktoren, nämlich die Konsumneigung, die Liquiditätspräferenz
und die Erwartung zukünftiger Erträge aus Kapitalanlagen (die
Investitionsneigung); (b) die Lohneinheit; und (c) die von der Zentralbank
festgesetzte Geldmenge. Diese Größen, sagte Keynes, bestimmen
das Volkseinkommen und den Umfang der Beschäftigung. (...) In einem
vielzitierten Diktum erwartete Keynes den ‚sanften tod (euthanasia)
des Rentiers, ihre allmähliche Beseitigung durch die fortschreitende
Senkung des Zinssatzes bis auf Null. (...) Gelegentlich äußerte
er sogar eine gewisse Vorliebe für verschiedene Arten von Wuchergesetzen
und für das Schwundgeld, wie es von Silvio Gesell befürwortet
wurde." 27
Schon in einem Aufsatz
von 1930 hatte Keynes (wie vor ihm Marx) die Bedeutung der technologisch
bedingten Arbeitslosigkeit erkannt: "Wir sind von einer Krankheit
befallen, deren Namen einige Leser noch nicht gehört haben mögen,
von der sie aber in den nächsten Jahren noch recht viel hören
werden, nämlich technologischer Arbeitslosigkeit (...)‘ weil
unsere Entdeckung von Mitteln zur Ersparung von Arbeit schneller voranschreitet
als unsere Fähigkeit, neue Verwendung für die Arbeit zu finden.
"28
Die Erwartung vom
sanften Tod des Rentiers hat sich allerdings keineswegs erfüllt
und kann sich ohne durchgreifende Maßnahmen —nämlich
die gesetzliche Unterbindung arbeitslosen Einkommens per Zins —
niemals erfüllen. Nach dem Angeführten wäre es nicht
gegen die Intentionen Keynes, in sein Wirtschaftsmodell die Vollbeschäftigung
als normativen Sollwert, möglicherweise gar als » letzte
unabhängige Variable" einzuführen.
Das oligarchische
"Planungssystem" nach J. K Galbraith
Indessen stellt
sich die Frage: Wer soll hier etwas einführen, wer soll und kann
handeln? Nach den ebenso eindringlichen wie allgemein verständlichen
Analysen von John Kenneth Galbraith zerfällt unser Wirtschaftssystem
in die "Millionen kleiner Firmen, die die Hälfte der Privatwirtschaft
ausmachen, und jener Handvoll von Industriegiganten, die die andere
Hälfte darstellen"29: in das, was er Marktsystem nennt und
das, was er Planungssystem nennt. Das Planungssystem der großen
Konzerne dominiert vollständig das Marktsystem und nimmt vor allem
auch die staatliche Wirtschaftspolitik in seinen Dienst. Die brillanten
Analysen in Gailbraith‘ "Economics and the Public Purpose",
ungenau wiedergegeben mit "Wirtschaft für Staat und Gesellschaft",
zeigen den dadurch entstehenden Widerspruch zwischen dem beherrschenden
Planungssystem und dem Interesse der Öffentlichkeit.: Es ginge
darum, daß der Staat bzw. die Staatengemeinschaft die Interessen
der Öffentlichkeit vertreten, indem sie die wirtschaftliche Initiative
übernehmen.
Galbraith kommt
am Schluß seines inzwischen noch aktueller gewordenen Buches zu
dem Postulat: "Es muß eine staatliche Planungsautorität
geschaffen werden. Diese wiederum ist streng von der Legislative zu
überwachen. Hier geht es nämlich um das schwierigste aller
Probleme der öffentlichen Selbstbesinnung: Den Ausbau einer Planung,
die nicht den Zwecken der Planung (gemeint ist das Planungssystem, J.H.),
sondern denen der Öffentlichkeit dient. Die Schaffung eines Instrumentariums
für die Planung, unabdingbar geworden durch die heutige Wirtschaftsstruktur,
ist die nächste große Aufgabe der Wirtschaft."30 Das
hat — wenngleich dieser Unterschied bei Galbraith leider nicht
deutlich genug herauskommt — mit staatlicher "Planwirtschaft"
nichts zu tun, sondern mit rahmensetzender Wirtschaftsgesetzgebung.
Der Staat hat auch derzeit eine stark wirtschaftslenkende Funktion.
(Es müßte eben staatstheoretisch und konkret verfassungsmäßig
zwischen Wirtschaftsstaat, im engeren Sinn politischem Staat, Kulturstaat
und Grundwerte-Staat unterschieden werden31.) Die wirtschaftslenkende
Funktion der Staaten wird derzeit bloß "naturwüchsig"
und mit wachsender Ohnmacht wahrgenommen. Staatliche Rahmengesetzgebung
für das möglichst freie Wirtschaftsgeschehen unterscheidet
sich grundsätzlich von einer zentralen Wirtschaftsplanung, in welcher
der Staat selbst als Unternehmer aufträte (Planwirtschaft). Derzeit
wird die Freiheit des Wirtschaftslebens durch das grenzüberschreitende
Oligopol ("die Herrschaft weniger") grundsätzlich untergraben.
Im Mangel an dieser
Einsicht erblickt Galbraith einen der Schwachpunkte bei Keynes: "Die
Nationalökonomen leisten, wie wir gesehen haben, dem Planungssystem
einen wichtigen Dienst, indem sie versuchen, alle Probleme im Schema
des Marktes unterzubringen und jegliche Verhaltensweise dem Markt unterzuordnen
— sie verschleiern damit nämlich die Macht, die das Planungssystem
ausübt."32
Aber Keynes unterlief
noch ein weiterer Irrtum: "Er erkannte nicht, daß im Zuge
der wirtschaftlichen Entwicklung die Macht vom Verbraucher auf den Produzenten
übergehen würde. Da er diese Verlagerung nicht voraussah,
erkannte er auch nicht die zunehmende Divergenz zwischen den Absichten
des Produzenten oder des Planungssystems und denen der Öffentlichkeit.
Und er erkannte nicht, daß es zu einer ungleichen Entwicklung
kommen würde, da die Macht zur Erreichung der Planungsziele ungleich
verteilt ist. Daraus folgt eine ungleiche Einkommensverteilung. Er sah
auch nicht, daß die Verfolgung solcher Zwecke die Umwelt gefährden
und den Verbraucher versklaven würde."33
Solche Worte aus
der Feder eines der profiliertesten und (zumindest im Alter) unabhängigsten
Ökonomen und Politikberater der Nachkriegszeit sollten aufhorchen
lassen.
Hinter dem oben
ausgesprochenen Postulat, das an die neoliberale Ökonomietheorie
anzuknüpfen sucht, die Vollbeschäftigung als normativen Sollwert
der Wirtschaftspolitik anzusetzen, verbergen sich also grundlegende
Forderungen nach Änderung der Wirtschaftspolitik, besser: nach
Neubesinnung auf die Rolle der Wirtschaftsstaaten. Noch einmal: dies
nicht in Richtung Planwirtschaft, sondern rahmensetzende Wirtschaftsgesetzgebung.
Galbraith hoffte noch auf eine rechtzeitige Neubesinnung der Nationalökonomen,
ohne die staats-theoretischen Implikationen deutlich zu sehen oder auszudrücken.
Er hielt das Wirtschaftssystem für staatlich reformierbar, ohne
daß er eine Alternative zum Zinseszinssystem diskutierte. Auch
hier ist ein Fragezeichen zu setzen. Wenn der Staat seine wirtschaftsregulierende
Funktion unter dem Primat der Politik (indirekt dann allerdings der
Kultur und der weltanschaulichen Grundwerte) auszufüllen begänne,
stünde das Zinsthema allerdings einschlußweise zur Debatte.
Überraschenderweise stellt sich heraus, daß ein scheinbar
rein ökonomisches Problem wie das der Arbeitslosigkeit in Fragen
der Staatstheorie sowie in die Fragen der Weltordnungspolitik (global
governance) hineinführen muß.
Verzicht auf Ganzheit
beim Mainstream der Ökonomen
Inzwischen ist die
Ökonomie jedoch von umfassenden Gesamtentwürfen als Teil der
Sozialwissenschaften abgekommen und hat sich der mathematischen Behandlung
von Teilaspekten der Wirtschaft zugewandt. Es ist dies die gleiche Entwicklung
vom ganzheitlichen Denken — wie es vor hundert Jahren noch der
"Philosophischen Fakultät" zumindest offiziell aufgegeben
war — zum partiellen Berechnen, wie sie in den meisten sozialwissenschaftlichen
Disziplinen ebenso wie in Psychologie, Sprachtheorie usw. stattgefunden
hat. Rechnen ist leichter als Denken im eigentlichen Sinn: als Zusammenbringen
der verstreuten Gedanken. Das berechtigte hypothetische (statt deduktive)
Denken der Einzelwissenschaften wurde zum fachspezifischen Rechnen ohne
den Blick auf die Ganzheit der sozialen Zusammenhänge pervertiert.
Daneben floriert friedlich-schiedlich ein Ganzheits-Boom esoterischer
und sonstiger Art, der dem Boom bloßer Individual- und Unternehmensethiken
an ideologischer Überbau-Funktion und Ablenkungskraft in nichts
nachsteht — solange er nicht zu konkretisierbaren strukturellen
Vorschlägen führt.
Umwelt-Krise als
Einwand?
Man könnte
den Einwand erheben, das geforderte Ausgehen vom Menschen als Ursprung
und Ziel alles Wirtschaftens sei Ausdruck einer "Anthropozentrik",
die hinter die allmählich sich durchsetzende Einsicht zurückfalle,
daß die Umweltkosten, der Verbrauch an Natur, an Boden und Landschaftswerten,
an Wasser und Luft, in die ökonomischen Berechnungen als Kosten
eingehen müssen. Diese rechnerische Internalisierung der bisher
als extern angesetzten Kosten sei zunächst einmal der entscheidende
Schritt für die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie.
Dagegen, daß diese scheinbar kostenlosen Naturelemente wie Rohstoffe
in die Kalkulationen eingeht, soll hier gewiß nichts gesagt werden.
An anderer Stelle (in "Ökologik") wurde jedoch aufgewiesen,
daß die Entgegensetzung von "Kosmozentrik" gegen "Anthropozentrik"
die ökologische Fragestellung nochmals in technokratischer Manier
verfälscht, indem sie die Natur-Mensch-Beziehung sowie die Schlüsselstellung
des Menschen als "Mesokosmos" zwischen der kosmischen Makrowelt
und der Mikrowelt ausklammert. In der Welt des bloßen Physikers
und Astronomen kommt der Mensch als solcher nicht vor. Das Gleiche ist
hier von Ökonomen zu sagen, die ihre Fachkompetenz allein auf die
Beschreibung des bestehenden Wirtschaftssystems verwenden. Auch wenn
die Einsichtigeren unter ihnen neuerdings die knapp gewordenen Naturressourcen
in ihre Kosten-Nutzen-Rechnungen einbeziehen, steht sie noch immer in
Gefahr, die Wirtschafts-Rechnung ohne den Wirt zu machen: ohne den arbeitenden
bzw. arbeitswilligen Menschen.
Auch diejenigen,
die von Aristoteles über Adam Smith bis in unsere Tage die Arbeitswertlehre
vertreten, wußten selbstverständlich, daß die Natur
Güter vorgibt und daß menschliche Arbeit "nur"
die Bedeutung hat, sie dem wirtschaftlichen Tausch zugänglich zu
machen. Erst durch Arbeit — und sei es im Grenzfall bloß
durch Transport und Handel — werden knappe Güter Gegenstand
der Tauschwirtschaft. Es wäre ein naturalistischer Stumpfsinn,
der mit Ökologie nicht das Mindeste zu tun hat und über den
jeder Weinbauer und Obstproduzent lachen müßte, wollte man
den von Natur gegebenen Gebrauchswert solcher Güter mit ihrem wirtschaftlich
allein zählenden Tauschwert verwechseln.34 Durch die neuen, intelligenten
Dienstleistungsformen wird der Anteil der Arbeit (und in technischen
Geräten vorgeleisteten Arbeit) am Tauschwert nur offensichtlicher.
Das Recht auf Arbeit
Das Recht auf Arbeit
ist Bestandteil der Erklärung der Menschenrechte von 1948 und als
solches zugleich Teil des deutschen Grundgesetzes. Es handelt sich um
das Recht auf sinnvolle Teilhabe und Teilgabe am Gemeinwesen. Soll dieses
Recht nicht folgenlose Feiertagsdeklaration bleiben und auf das freie
Recht zur Wahl des nichtvorhandenen Arbeitsplatzes eingeschränkt
werden, bedarf dies einer radikalen Umorientierung der Ökonomie
in Theorie und Praxis. Die Kompromißbildung, wie sie etwa in der
"laboristischen" Richtung der katholischen Soziallehre als
angeblich kühner Vorstoß vertreten wird —daß
im Zweifelsfall die Arbeit einen Vorrang vor dem Kapital habe —hat
ihre Wirkungslosigkeit schon jetzt bewiesen. Arbeit und Kapital stehen
in keiner Weise auf derselben Ebene, ebenso wenig wie "Boden",
als Inbegriff von Rohstoffen und Naturgütern, und Arbeit. Man kann
sich für solche Gleichstellung keineswegs auf die zitierte Formel
des Aquinaten "labor et expensae" (Arbeit und Ausgaben) berufen.
Geld und Sachkapital sind reine Mittel gegenüber der Arbeit, die
im wirtschaftlichen Zusammenhang nichts weniger als den wertschöpfenden
und bedürftigen Menschen vertritt. Geht es außer um den Menschen
bzw. seine Vergemeinschaftung um noch etwas anderes in der Wirtschaft?
Vielleicht um einige Exemplare des Menschen, die reichlich mit Kapital
ausgestattet sind?
Der Chef des Entwicklungsprogramms
der Vereinten Nationen, Gustave Speth, sprach es kürzlich in einem
Interview aus: "Der Besitz von 358 Milliardären ist genausohoch
wie das Jahreseinkommen von rund der Hälfte der Weltbevölkerung.
Die Kluft zwischen den ärmsten 20% der Menschheit und den reichsten
20% hat sich seit 1960 mehr als verdoppelt, und zwar von 30 zu 1 auf
78 zu 1." 35
Dies ist der Erfolg
einer prosperierenden, fast auf globalen "Freihandel" eingestellten
Weltwirtschaft, die ihren Maßstab am Kapital hat, nicht an der
Arbeit, zu schweigen von den Bedürfnissen der Milliarden von Menschen.
Die Mainstream-Ökonomen mit ihrer Verkennung der allein ökonomischen
Wert freisetzenden Arbeit sowie die Heerschar der angepaßten Medienleute
bilden die Helfershelfer dieser Entwicklung. Verschleiert wird, daß
jeglicher Gewinn aus zinstragendem Kapital sowie aus Spekulation (mit
Währungen und Boden) an anderer Stelle durch wertschaffende Arbeit
erwirtschaftet werden muß. Die Illusion eines anders als durch
sozial wertvolle Leistung mehrwerdenden Geldes muß gründlich
ausgeräumt werden. Ein System, das auf leistungslosen Einkommen
aufgebaut ist, erzeugt notwendig Arbeitslosigkeit.
Fixierung auf Arbeit
und Leistung statt auf Spiel und Lust?
Man könnte
allem Gesagten gegenüber den Einwand machen, es würde der
zunehmenden Bedeutung der Freizeit gegenüber der Arbeit nicht genügend
Rechnung getragen. Die Sicht sei zu arbeits- und leistungsbetont. Wo
bleibt das freie, lustbetonte Spiel der individuellen Fähigkeiten,
das z.B. Herbert Marcuse schon vor dreißig Jahren für eine
künftige, lustbetonte Gesellschaft forderte und voraussagte ?36
Wo bleibt ferner das "Umsonst" des freien, liebevollen Dienens,
das jeder Bezahlung spottet?
Die Antwort lautet:
Tatsächlich wird die Berufsarbeit in Zukunft einen wesentlich kleineren
Teil unserer Zeit in Anspruch nehmen, und es wäre wünschenswert,
wenn der Weg einer Teilung der Arbeit (mit dem bei VW ein bescheidener
Anfang gemacht wurde) von den Tarifpartnern beherzter beschritten würde.
Solche arbeitsentlasteten, lustvollen Perspektiven in die Zukunft, gar
der Gedanke des liebevollen Umsonst sowie des Schenkens dürfen
nicht von der verantwortlichen Bewältigung der Gegenwart ablenken.
Von Liebe auf Kosten der geschuldeten und möglichen Gerechtigkeit
zu sprechen, heißt, sie mißbrauchen. Wir können das
Leistungsprinzip nicht übersteigen, bevor wir es erst einmal durchgeführt
haben! Dazu gehört auch, daß die Arbeit selbst lustvoll als
Beitrag zum sozialen Ganzen erlebt werden kann. "Nachdem die Arbeit
nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis
geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch
die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springbrunnen des
genossenschaftlichen Reichtums voller fließen — erst dann
kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten
werden."37
Es ist zunächst
einmal an der Zeit, daß die Menschen ihr tatsächliches Recht
auf Arbeit, als sinnvolle und vergütete "Dienstleistung"
fürs soziale Ganze, wirksam einklagen. Für unvergütete
zwischenmenschliche Dienste außerhalb des Wirtschaftssystems bleibt
dann noch immer, und dann erst recht, Raum genug.
Anmerkungen
1 Hans-Peter Martin/Harald Schumann, Die Globalisierungsfalle. Der Angriff
auf Demokratie und Wohlstand, Hamburg 1996, 12 f.
2 Karl Marx, Lohn, Preis und Profit, in: MEW, Bd. 16, Berlin 1973.
3 Martin/Schumann, a. a. 0., 18.
4 Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten
der Gegenwart und Zukunft, zuerst 1919, Dornach 1980. — Vgl. dazu
näher vom Verfasser: Sprung aus dem Teufelskreis. Logik des Sozialen
und Natürliche Wirtschaftslehre, Wien 1997. (ISBN 3-901787-00-3).
5 Claus Offe, "Arbeitsgesellschaft". Strukturprobleme und
Perspektiven, Frankfurt/M. — New York 1984, 20.
6 Ebd., 36.
7 Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M.
- New York 1996, 24.
8 Ebd., 162.212f.
9 Als wäre "Gesellschaftsvertrag" bisher je etwas anderes
als eine Fiktion gewesen, geeignet zur Verschleierung der Machtverhältnisse!
10 Martin Kempe, ebd., 228.
11 Marx formulierte in seiner "Kritik des Gothaer Programms"
1875 die Utopie: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach
seinen Bedürfnissen" (Werke 111/2, Darmstadt 1960, 1024).
In "Fähigkeiten" steckt ein Arbeits- und Leistungsprinzip,
das in dieser Schrift ausführlich erörtert wird: "Die
Arbeit, um als Maß zu dienen, muß der Ausdehnung oder der
Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab
zu sein. Dieses gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche
Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an (...)‘ aber es
erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher
Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien an" (1023
f). Marx zieht allerdings eine künftige Relativierung (das ist
nicht Außerkraftsetzung) des Leistungsprinzips in Betracht: 1024.
12 Vgl. J. Heinrichs, Freiheit — Sozialismus — Christentum,
Bonn 1978, 43 f.
13 J. Heinrichs, Reflexionstheoretische Semiotik. 1. Teil: Handlungstheorie,
Bonn 1980.
14 Vgl. etwa den geschichtlich instruktiven, wenn auch in der systematischen
Auswertung vorurteils- und klischeebehafteten Beitrag von Annette Kleinfeld-Wernicke
"Zwischen Workoholismus und Freizeitstreben. Auf der Suche nach
einem ‚postmodernen‘ Arbeitsethos, in: E. Zwierlein (Hrsg.)
Postmoderne Kultur und Wirtschaft. Eine Auseinandersetzung mit Peter
Koslowski, Idstein 1993, 97—137. — Weitere Untersuchungen
in D. Balkhausen/K. D. Schmidt (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer neuen Arbeitskultur,
Trier 1990.
15 So in der Handlungstheorie von J. Heinrichs, a. a. 0., 66—76.
16 Hierzu näher: J. Heinrichs, Ökologik. Tiefenökologie
als strukturelle Naturphilosophie, Frankfurt/M 1997, 259—274.
17 Dies ist einer der leitenden Gedanken in John Hormann/Willis Harman,
Future Work. Trends für das Leben von morgen, München 1990.
18 Vgl. etwa die Artikel "Leistung", "Leistungsprinzip"
im Evangelischen Soziallexikon (~1980), im Katholischen Soziallexikon
(21980) oder — ausführlicher — im "Staatslexikon",
Freiburg 1987. — Es wird (auch hier) anerkannt, daß das
Leistungsprinzip durch ein sozialstaatliches "Belastungsprinzip"
im Hinblick auf Schicksalsfaktoren wie Krankheit, Behinderung usw. ergänzt
werden muß.
19 Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung, Lauf 1984,
14.
20 Anstelle von langwierigen Belegen aus den Schriften dieser vor-marxschen
Klassiker verweise ich auf die großangelegte "Geschichte
des Ökonomischen Denkens" von Karl Pribram, 2 Bände,
Frankfurt/M. 1992. Dieser ungemein kenntnisreiche Autor bezeichnet die
Arbeitswertlehre allerdings als "Arbeitskostenlehre" und verwechselt
sie leider — wie bei Fachökonomen üblich — in
seiner Kritik mit einer ökonomischen Preisbildungslehre.
21 K. Pribram, a. a. 0., 496.
22 Eigene Übersetzung nach Summa theologiae 11-11, Quaestio 77,
Art. 1. — Eine ausgezeichnete Darlegung des Sinns der Arbeitswertlehre
im allgemeinen und bei Thomas von Aquin im besonderen findet sich bei
Johannes Kleinhappl in der leider erst posthum erschienenen Auseinandersetzung
mit seinen kirchlichen Gutachtern: Unus contra omnes, Innsbruck —
Wien 1996, 253—277. Die oben aufgeführte Quaestio wurde dort
(5.260) irrtümlich mit 87 statt 77 beziffert.
23 Vgl. Hazel Henderson, Das Ende der Ökonomie. Die ersten Tage
des nach-industriellen Zeitalters, München 1985, 42. Ähnlich
jetzt: Karl-Heinz Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie,
Darmstadt 1998.
24 Henderson, a. a. 0., 18.
25 J. Rifkin, a.a.0., 216.
26 dt. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung,
des Zinses und des Geldes, Neuauflage Berlin 1987.
27 K. Pribram, Geschichte der ökonomischen Ideen, 937f. 942.
28 H. M. Keynes, Politik und Wirtschaft, Männer und Probleme. Ausgewählte
Abhandlungen, Tübingen 1956, 267.
29 John Kenneth Galbraith, Wirtschaft für Staat und Gesellschaft,
München 1974, 63.
30 J. J. Galbraith, a. a. 0., 365.
31 Diese "Viergliederung" bildet einen Grundgedanken des in
Anm. 4 genannten Buches des Verfassers.
32 J. K. Galbraith, a. a. 0., 370.
33 Ebd., 370.
34 Die oben schon zitierte "Kritik des Gothaer Programms"
beginnt mit einer Richtigstellung des ersten Satzes aus dem Programm-Entwurf:
"Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur ...
." Marx korrigiert: "Die Arbeit ist nicht die Quelle alles
Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und
aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum) als die Arbeit
... ." (Werke 111/2, Darmstadt 1960, 1016 f). Von einem Übersehen
der Naturkompenente kann bei den Vertretern der Arbeitswertlehre keine
Rede sein. Marx, der auf solcher Genauigkeit auch in der politischen
Auseinandersetzung bestand, kommt nichtsdestoweniger zu wuchtigen Folgerungen:
"Im Maße, wie die Arbeit sich gesellschaftlich entwickelt
und dadurch Quelle von Reichtum und Kultur wird, entwickeln sich Armut
und Verwahrlosung auf seiten des Arbeiters, Reichtum und Kultur auf
seiten des Nichtarbeiters. Dieses ist das Gesetz der ganzen bisherigen
Geschichte" (1019).
35 DIE ZEIT 25/1997, 21.
36 Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft (Schriften, Bd. 5),
Frankfurt/M. 1979.
37 K. Marx, a.a.0., 1024.