Johannes Heinrichs
Kritischer
müßten die Kritischen sein
Zur Rechtfertigungsideologie
und wahren Hoffnung des Katholizismus
1. Erlebtes
Diesen Artikel schreibe
ich am dreißigsten Jahrestag meines Eintritts in das Noviziat
der Jesuiten. Meine todkranke Mutter, der ich derzeit so gut Beistand
leiste, wie es die Arbeit zuläßt, bat ich heute beim Frühstück
in indirekten Worten um Verzeihung für das schwere Leid, das ich
ihr an jenem 30. April 1962 zugefügt habe. Obwohl sie sieben weitere
Kinder hat, war es für sie und meinen Vater, die beide der Kirche
sehr distanziert gegenüberstanden, als würde ihr begabter
Sohn mit neunzehn Jahren lebendig begraben. Ihr Gefühl stimmte:
ich war von dem Tag an ein Entwurzelter, auch wenn ich vorübergehend,
für maximal fünfzehn Jahre, eine neue, »geistigere«
Familie im Orden fand oder besser suchte.
Keine »Sekte«
hätte den kritischen, ehrgeizigen, zugleich aber tief um Spiritualität
und Arbeit an sich selbst bemühten Primaner gewinnen und halten
können. Ihre Methoden wären mir zu durchschaubar gewesen.
Die Mechanismen, mit denen der hochangesehene, heute noch von seinem
Mythos zehrende Orden mich so lange zu fesseln vermochte, waren subtiler,
vor allem aber gesellschaftlich unverdächtiger. Während ein
»Anhänger« einer sogenannten Jugendsekte (und sei sie
spirituell noch so seriös) sich den Attacken von beauftragten und
unbeauftragten kirchlichen Ketzerriechern sowie einem hysterisch reagierenden
»christlichen« Umfeld ausgesetzt fühlt, wird der werdende
Jesuit eher staunend-respektvoll befragt und auf einer Woge von gesellschaftlicher
Anerkennung in sein Elend getragen.
Doch nach gut einem
Jahr hätte ich spüren können: Da stimmt einiges nicht.
Ich werde hier nicht glücklich werden, werde gerade auch im spirituellen
Sinn nicht zur Entfaltung kommen. Mein Gefühl wurde durch das in
uns allen tief verwurzelte Rechthabenwollen vor Familie und Freunden,
durch die ständig genährte Neugier und die Hoffnung auf spätere
Ausbildungsstadien übertönt, vor allem aber und immer wieder
durch die religiöse Hingabebereitschaft. Ja, die eigenen Gefühle
waren längst von Gehorsam und religiöser Hingabe, Hinhören
auf Obere und Mitbrüder, außer Geltungskraft gesetzt, jedenfalls
vorläufig. Ein alter Mißbrauch der Religion: die Menschen
am Nasenring des religiösen Idealismus herumzuführen.
Es gab damals, wohlgemerkt,
noch nicht die Alternative einer neuen spirituellen, reich verzweigten
esoterischen Bewegung. 1 In der katholischen Kirche allein schien mir
der ungebrochene Atem der Jahrtausende zu wehen. Ich war dafür
aufgeschlossen, über meine damals noch halb dörfliche Pfarrgemeinde
hinaus das große Erlebnis von »Katholizismus als Gemeinschaft«
(Henri de Lubac) zu spüren und zu ahnen: die volkstümliche
Mystik, die in dieser gemeinschaftstragenden und gemeinschaftsgetragenen
Religion lag und noch immer liegt. Ich habe sie sozusagen in ihrer Abendröte
voll wahrgenommen und schon mit etwas Nostalgie genossen. Denn faktisch
zogen mich, der ich weder Pfadpfinder noch Meßdiener gewesen war,
eher die Bücher eines John Henry Newman, eines Romano Guardini
oder eines Karl Rahner zum Gottesdienst als irgendein anderes Gemeinschaftserlebnis.
Doch das Tiefste waren nicht die Bücher selbst, sondern wenn ich
in Beichte und Kommunion einen Frieden fand, den mir »die Welt«
nicht gab, wenn der Leib des Herrn unter Gesängen durch die Ährenfelder
und die Straßen des Alltags getragen wurde, wenn das Christusfeuer
die Nacht der Passion erhellte, wenn die Innigkeit der Rosenkranzgebete
(zu einem weiblichen Aspekt der Gottheit, würde ich heute sagen)
die Naturwunder des Maimonats überhöhte. »Ich habe noch
Gebete, denen die Flur lauscht, / ich weiß noch, / wie man die
Gewitter fromm macht und das Wasser segnet: / Ich trage noch im Schoße
die Geheimnisse der Wüste, / ich trage noch auf meinem Haupt das
edle Gespinst grauer Denker / Denn ich bin Mutter aller Kinder dieser
Erde« (Gertrud von le Fort in ihren »Hymnen an die Kirche«).
Wer dergleichen
nicht empfunden hat, weiß nicht, was Katholizismus als mütterlich
bergende Gemeinschaft ist. Ihm muß daher auch verborgen bleiben,
warum noch heute so viele »kritische« Geister nicht vermögen,
den hinreichenden Einsichten ihres Kopfes zu folgen: Etwas Tieferes,
eine ödipale Bindung an die mütterliche Gemeinschaft hält
sie, und wehe, wer den Finger darauf legt (wie der Verfasser dieser
Seiten bei seinem einstigen Engagement für einen »alternativen
Katholizismus«; vgl. S. R. Dunde [Hg.]: Katholisch und rebellisch,
Reinbek 1984, S. 139—154). Wie hätte aber der Novize aus
der Konzilszeit damals durchschauen können, was noch heute die
kritischsten Theologen vor sich nicht zugeben?
Es war damals die
Zeit Johannes‘ XXIII. und der Konzilseröffnung: Aufbruch,
Hoffnung auf einen neuen Katholizismus, der die alte Kluft von Glauben
und Denken, von Glauben und menschlichen Gaben überhaupt überwinden
würde: »eine Religion, die die Leistungen des Menschen anerkennen
kann«, so hatte ich in meiner Abiturrede, etwas selbstrechtfertigend,
vor dem liberalen Schulpublikum postuliert. Die Unterscheidung von Göttlichem
und unvermeidbar Menschlichem in der Kirche ließ mich die offensichtlichen
geschichtlichen Versagen entschuldigen. Von ihr nähren sich bis
heute der sogenannte »kritische Katholizismus« und ihre
»großen« Vertreter. Die Einsicht, daß diese
Unterscheidung nicht zieht, daß sie eine illegitime Rechtfertigungsideologie
darstellt, kostete mich (bloß menschlich und exoterisch gesprochen),
die besten Jahre meines Lebens. Denn der Aus ritt aus Orden und Kirche,
den ich nach einigen Jahren Übergangszeit mit neununddreißig
Jahren endlich vollzog, ließ mich (bloß menschlich und exoterisch
gesprochen) beruflich wie privat als ein Wrack zurück. Das hätte
wahrhaftig keine »Sekte« fertiggebracht. Solange die dogmatische
Schwierigkeit z. B. Brigitte heißt oder einen anderen Frauennamen
trägt, haben die konformistischen Kreise, auch die der feinen akademischen
Welt, nachsichtiges Verständnis für menschliche Schwäche.
Doch wehe, sie ist grundsätzlicher Art!
2. Nachgedachtes
Ich überlasse
nunmehr das Autobiographische einer ausführlichen Darstellung an
anderer Stelle, um etwas näher auf die zentrale Rechtfertigungsideologie
des Katholizismus einzugehen: die Unterscheidung von Göttlichem
und bloß Menschlichem. Solange man diese in dem Umfang gelten
läßt, wie sich auch »kritische Katholiken« darauf
berufen, lohnt es sich, einzelne Probleme und Schwachpunkte, gar Skandale
in reformistischer Absicht herauszustellen. In meinen Augen lohnt es
sich nicht, weil es am Kern der Sache vorbeigeht, und das ist: die Wahrheitsfrage
selbst. Es ist der Anspruch auf göttlichen Ursprung und bevorzugten
göttlichen Charakter im wesentlichen.
Man mache doch bitte
die gedankliche Probe: Was ist denn an Skandal möglich, was nicht
an dem Glauben abprallen würde: »Und sie ist doch göttlich
wie keine andere Religionsgemeinschaft«? Mit einer solchen Immunisierungs-Ideologie
lassen sich spielend Inquisition und Hexenprozesse, dreißigjährige
Kriege, modifiziert weiterbestehendes Hitlerkonkordat mit dem Staat
(für Schulen und Universitäten), Pillenverbot samt moralischer
Verantwortung für die Überbevölkerung der Welt, repressive
Sexualmoral und Fehlanzeige in schöpferischer Kultur der Liebe,
das damit verbundene Doppelspiel von Klerus und »Laien«
und noch vieles mehr rechtfertigen. Daß »im Namen Gottes«
(Yallop) auch heutzutage ein Papst nach 33 Tagen Pontifikat vergiftet
oder sonstwie zu Tode gebracht 2 wird — das kann unter solcher
Voraussetzung keiner als himmelschreienden Skandal nehmen. Ja, man ist
solcherart skandalöse Fakten als ohnehin unwesentlich gar nicht
so leicht wahrzunehmen bereit.
Müssen wir
nicht die bizarren, leidvollen Erscheinungen des Lebens ohnehin mit
der göttlichen Güte vereinbaren? Da wirken diese menschlich-allzumenschlichen
Irrationalitäten doch geradezu wie göttliche Gütesiegel:
derartiges kann sich nur Gott leisten, ohne unterzugehen. Wie wichtig
nehmen sich denn die Küngs und Drewermänner, wenn die Kirche
wirklich göttlich ist? In hundert Jahren mögen ihre Anliegen,
wenn sie denn Bestand haben, in die großen Scheunen gebracht sein.
Mögen sie doch bitte etwas gottgemäße Geduld üben!
Ihre Ungeduld beruht auf besserwisserischer Ichsucht und Ruhmsucht.
Sicher, etwas Protest
und Kritik mag gut sein, um die Dinge voranzubringen, zum Heile der
Kirche und der restlichen Menschheit. Gut also, daß wir den kritischen
Katholizismus haben. Gut vielleicht auch, wenn sich die quasi-verheirateten
Priester und ihre heimlichen Frauen oder gar Freunde allmählich
formieren. In hundert Jahren sieht alles anders aus, und das vielleicht
nicht ohne Verdienst dieser Protestgruppen. Man muß sich nur die
göttlichen Maßstäbe angewöhnen. Von dieser höheren
Warte fällt es auch nicht so schwer, die ganze Menschheit zu sehen.
Was an päpstlichen Äußerungen für uns antiautoritäre
und wohlstandsverwöhnte Westeuropäer skandalös erscheint,
mag in der Dritten Welt ganz anders aufgenommen werden.
Würde ich an
die besondere Göttlichkeit der katholischen Kirche oder ihr grundsatzliches
In-der-Wahrheit-Sein glauben, würde ich solche Argumentation sehr
ernst nehmen oder gar vertreten. Da ich jedoch nicht mehr an sie glaube,
kann ich das unermüdliche Herzklopfen der »kritischen«
Theologen für das Wohl dieser Kirche einerseits nicht besonders
ernst nehmen — vor allem wenn ich den Verdacht hege, sie würden
diese Rechtfertigungsideologie vom besonderen göttlichen Vorzug
der römischen Kirche im Grunde ohnehin nicht mehr vertreten wollen.
Hans Küng betont
allerdings in seinem »Projekt Weltethos« (München 1990)
bei aller religiösen Toleranz dezidiert, daß er kirchlicher
Christ sein will — wenn auch, soviel ich sehe, nicht von »katholisch«
die Rede ist — und daß er keineswegs allen Religionen denselben
Wahrheitsgehalt zuspricht. Intolerant gibt er sich lediglich gegenüber
der »bloßen Vernunft« und einer (für ihn anscheinend
nicht existenten) philosophischen Religiosität — obwohl oder
gerade weil das, was er positiv zum Weltethos sowie zur Verständigung
zwischen Religionen vorbringt, einzig vernunftrechtlich begründet
ist und nicht aus einem christlichen Spezifikum. Das wirklich Göttliche
im Menschen, »das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in
die Welt kommt«(Jo 1,9), Vernunft und Liebe, werden notwendig
abgewertet, wenn geschichtliche Instanzen, sich gegen dieses allgemein
Göttlich-Menschliche absetzend, vergöttlicht werden. Auf göttlich-katholischem
Boden jedoch ist das, was er »Weltethos« nennt, sicher nicht
gewachsen.
3. Vorweggedachtes
1. Kritik an den
allbekannten Mißständen des Katholizismus ist »von
innen her« nur sinnvoll, wenn man das Selbstverständnis der
Kirche teilt, im Grunde göttlicher Natur oder grundsätzlich
in der Wahrheit zu sein 3 und die Schwächen als unvermeidliche
Menschlichkeiten entschuldigen zu können meint. Grundsätzliches
Sein in Wahrheit und Liebe sind die einzigen Maßstäbe für
eine Religionsgemeinschaft, nicht irgendwelche Fehler der beteiligten
Menschen.
2. Dieser Glaube
an die besondere Göttlichkeit und Gottesgewolltheit der Kirche
als (hierarchisch strukturierte) Gemeinschaft kann sich weder auf die
Bibel stützen (für den frei Denkenden und Fühlenden ohnehin
keine unhinterfragbare Instanz) noch auf historische Ehrwürdigkeits-Argumente,
da es bedeutend ältere und sicher nicht weniger spirituell reichhaltige
Religionen gibt wie den Hinduismus oder gar verschüttete, z. T.
matriarchale Menschheitsweisheit, die in den letzten Jahrzehnten stärker
in unser Blickfeld getreten ist.
3. Solcher Glaube
müßte sich auf die grundsätzliche Vernunft- oder Erkenntnisfähigkeit
des Menschen stützen. Die Vernunft sagt, daß eine Instanz,
die in Geschichte und Gegenwart so nachlässig und destruktiv mit
Wahrheit umging (z. B. durch den Kampf mit der neuzeitlichen Wissenschaft,
die intelligente und produktive Korrektive nötig gehabt hätte,
sowie die geistesgeschichtlich äußerst verhängnisvolle
Abkanzelung der deutschen Philosophie seit Kant), nicht »in der
Wahrheit« sein kann. Dasselbe gilt für die praktischen Wahrheiten
der sozialen Frage. Die Widersprüche zwischen der ebenso einflußreichen
wie reaktionären Enzyklika »Rerum Novarum« (1891) zu
»Quadragesimo Anno« (1931) bis hin zu »Laborem Exercens«
(1981) sind eklatant 4 — ganz zu schweigen vom Widerspruch der
nachhinkenden und harmonisierenden, in Theorie und Praxis zahnlosen
»Katholischen Soziallehre« zur gängigen Praxis auch
kirchlicher und kirchennaher Kreise. In der Sexualmoral hat die institutionalisierte
»Religion der Liebe« am wenigsten geistig-praktische Produktivität
bewiesen, sich am wenigsten hilfreich gezeigt.
4. Der Kirchen-Glaube,
wodurch die Kirche sich selbst zum angeblich übervernünftigen
Glaubensgegenstand macht, ist offensichtlich eine Immunisierungsideologie
geworden, die durch das einstige Erlebnis von Kirche als Gemeinschaft
psychologisch weiter genährt wird. Die auch von modernen und »kritischen«
Kirchentheologen geschmähte, dennoch göttliche (und nicht
rationalistisch verkürzte) Vernunft ist es, die die Kirche in dieser
Hinsicht richtet und ihr abspricht, in irgendeinem, gar in einem ausgezeichneten
Sinne »in der Wahrheit« zu sein.
5. Rang und Botschaft
Jesu werden dadurch gar nicht berührt, wogegen die Kirche freilich
stets beansprucht, der Zugang zu Jesus sei nur über sie möglich.
Die Stellung, die Jesus sowohl in der esoterischen Bewegung wie in den
neuen Schriftfunden vom Toten Meer hat (»Verschlußsache
Jesus«), weist diesen Anspruch erneut ab.
6. Das Erlebnis
des Katholizismus als Gemeinschaft sprach und spricht naturgemäß
tiefste Schichten im Menschen an. Wenn diese unkritisch für die
Göttlichkeit und Unersetzlichkeit dieser Kirche genommen werden,
beruht das vermutlich meist eher auf unbearbeiteten Ödipuskomplexen
der Mutter Kirche gegenüber als auf Einsicht. Die komplexhafte
Bindung an die Kirche verhindert die produktive, zeitgemäße
Weiterführung des religiösen Erbes, das trotz aller Un-Menschlichkeit
in ihr noch ebenso lebendig war wie in anderen Religionsgemeinschaften.
Das Göttliche hat sich in ihr gehalten, weil und insofern sich
das Menschliche stets regenerierte.
7. Wenn »kritische«
Theologen keinen besseren Weg zur christlichen und allgemein spirituellen
Erneuerung sehen als die ständige Auseinandersetzung mit den Autoritäten
der alten Kirchenstrukturen, verwundert das den religiösen Philosophen
(bzw. den in Spiritualitätsdingen frei Denkenden). Ist dies die
aussichtsreichste oder gar die einzige Weise, an einer spirituellen
Erneuerung des Westens zu arbeiten? Wie wäre es, wenn man mit den
alten Strukturen und Autoritäten konsequent bräche (strukturrevolutionär,
aber wert-konservativ)? Gerade das Kirchensteuersystem könnte zu
diesem Übergang per Abmeldung dienlich sein. Man kommt auf den
Gedanken, daß bei der so heroisch-betulichen Vermittlungstätigkeit
»kritischer« Theologen andere als religiöse Motive
im Spiel sind.
8. Eine der anstößigsten
Seiten der kirchlichen Gegenwart besteht meines Erachtens, gerade vom
spirituellen Standpunkt, in deren öffentlicher und staatlicher
Privilegierung in einer Gesellschaft, die nicht mehr »christlich«
genannt werden kann. Dazu gehören neben dem Kirchensteuersystem
die staatlichen Theologieprofessuren und, was im eigentlichen Sinn skandalös
ist, weil es die freie Philosophie untergräbt: zusätzliche
kirchenabhängige Konkordatslehrstühle in den philosophischen
Fachbereichen. Wirklich kritische Theologen müßten eigentlich
mit Verzicht, wenigstens aber mit bekennendem Hinweis auf ihre staats-kirchlichen
Privilegien den Anfang machen. Das kann freilich nur bei starker religiöser
Motivierung erwartet werden. Da ist es doch viel leichter, über
Befreiung in Südamerika zu theologisieren.
9. Wenn alle Priester,
Ordensleute, Professoren und Kirchenangestellte, die mit Lehre oder
Moralpraxis der Kirche nicht einverstanden sind (z. B. weil sie heimlich
im Konkubinat oder anderen Verbindungen leben), dieses Nicht-Einverständnis
durch Wort und Tat bekunden würden, bräche sofort das alte
Kirchensystem zusammen. Von religiösen Menschen, die sich auf einen
Jesus von Nazareth mit seiner bekannten Radikalität und Rücksichtslosigkeit
in Wahrheitsfragen berufen, wäre gar nichts anderes zu erwarten.
Spirituell motivierte Kompromisse gibt es zwar im Zwischenmenschlichen,
nicht aber im Religiösen als solchem, dem Bereich der Freiheit
par excellence. Man predigt jedoch von Exodus und Nachfolge Christi
— und vergißt, wo dergleichen praktisch wenden könnte.
10. Aus dieser Überlegung
folgt: Wo kein institutioneller Umsturz aufgrund von Wahrhaftigkeit
stattfindet, fehlt die spinituelle Kraft. Bei staatlich-politischer
Freiheit hat eine Gemeinschaft oder Gesellschaft genau diejenige Religion,
die sie verdient. Die kritischen Katholiken a la »Publik-Forum«
machen sich nur vor, sie würden einen besseren Katholizismus verdienen
und wollen. Sie erfreuen sich noch immer am pubertären Zerren an
den Ketten, wie ich von zehn Jahren schrieb (s. oben S. 145). Bei mehr
spinituellen Substanz hätten sie längst eine grundsätzlich
andere Kirche. Ich empfehle zur Meditiation Hans-Magnus Enzensbergens
Gedicht »Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer«!
11. Den gegenwärtige
Katholizismus ist ein wesentlich auf So-tun-als-ob aufgebautes System,
ein institutionalisiertes Doppelspiel — das nicht zuletzt von
seinen halbherzigen immanenten Kritikern mitgetragen wird. Er stellt
heute, wenn nicht die hohe Schule, so doch zumindest die Grundschule
des Opportunismus für die Nation dar: weil Gewissens- und Wahrheitsfragen
zwar beständig aufgeworfen, doch als »bloß eigentlich«,
das heißt als uneigentlich und von gestern abgewiegelt wenden.
Diese überläßt man der konservativ-fundamentalistischen
Seite. Eine so gewissensprägende Institution, wie sie die Kirche
immer noch ist, hinterläßt ihre Spuren: Sie prägt wahrheitshungrige
junge Menschen zu resignierten Mitläufern und Opportunisten (oder
aber Fanatikern).
12. Auf diese Weise
wird auch dem guten Glauben unserer Vorfahren Unrecht getan, die noch
zwischen Richtig und Falsch mit aufrichtigem Gewissen zu unterscheiden
suchten (wenn sie auch aufgrund obrigkeitlicher Verführung mit
falschen Mitteln blutige Kämpfe dafür austrugen).
13. Eine der systemtragenden
Funktionen der »kritischen« Katholiken ist: Alibi darzustellen
für Kritiktoleranz und Reformierbarkeit. Doch machen sie mit ihrer
Inkonsequenz die Reformwürdigkeit des römischen Kirchensystems
nicht gerade plausibler. Auch handelt es sich hier nicht bloß
um eine soziologisch-politische Ermessensfrage, jedenfalls nicht in
ersten Linie.
14. Spinitualität
scheint sich in Zukunft — wenn es keinen katastrophenbedingten
Rückfall in autoritäre Formen gibt — in freien Gruppierungen
soziologisch zu formieren, nicht in staatsähnlichen Groß-
und Zwangsverbänden, in die der »Gläubige« hineingeboren
wird.
15. Gegenwärtige
und künftige Gesellschaft braucht neue religiöse Gemeinschaftsbildung.
Die gemeinschaftsbildende Kraft aus spirituellen Quellen war das Beste
am Katholizismus. Dieses Beste könnte zum allgemeinen Nutzen gerettet
werden in dem Maße, als man es von der autoritären Entstellung
»kritisch«, d. h. mit echt religiöser Radikalität
zu unterscheiden wüßte!
16. Fazit: Ich stelle
nicht mehr die Frage nach den »Chancen des Wandels« innerhalb
des Kirchensystems, sondern die Frage nach dessen Reformwürdigkeit.
Nach deren negativer Beantwortung schließt sich die allgemeinere
Frage an: Wie sich in Zukunft menschliche Spiritualität, auch christliche,
religiös im Sinne der Gemeinschaftsbildung formieren kann. Dies
wird wahrscheinlich nicht mehr in Großverbänden geschehen,
diesem Überbleibsel staatskirchlicher Verhältnisse, sondern
in freien Gruppen, deren Zusammenhalt ebenso frei ist. Was kann an materieller,
sozialer und geistiger Substanz der alten Kirche(n) in eine neue Zeit
hinübergerettet werden und wie?
Anmerkungen
1 Dazu näher
vom Verfasser: Ende der Dogmen. Grundzüge der neuen spirituellen
Bewegung, in: Gesellschaft und Religion, hg. von J. Albertz (Schriftenreihe
der Freien Akademie 12), Berlin 1991, 179-198.
2 John Cornwell:
Wie ein Dieb in der Nacht. Der Tod von Johannes Paul I., Wien-Darmstadt
1989.
3 Der Ausdruck klingt
an den 1. Johannesbrief (Kap. 1) an, wo auch die Wendungen "die
Wahrheit tun" oder "aus der Wahrheit" sein für die
hier gemeinte existentielle Wahrhaftigkeit stehen.
4 Oswald von Nell-Breuning
schrieb mir am 14.10.1981 beschwichtigend: Die leidige Gepflogenheit,
immer dann, wenn eine alte These berichtigt wird, die Kontinuität
zu betonen, mißfalle auch ihm. – Man könnte sich kirchlicherseits
damit trösten, daß die sogenannte freie Wissenschaft bis
heute auch wenig bessere normative Sozialtheorie hervorgebracht hat
als die "Katholische Soziallehre". Dies steht jedoch in innerem
Zusammenhang zu den falschen ideologischen Fronten, die im 19. Jahrhundert
entstanden und bei der die Kirche eine Hauptrolle spielte.