Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Integrale Philosophie

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Literarisches / 2. Da ist die Liebe wieder

WENN DU ÜBER DIE BRÜCKE GEHST

„Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist:
was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein
Übergang und ein Untergang ist."
(F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Vorreden)

Wenn du über die Brücke gehst
dann denk an mich.
Wenn du über die Brücke gehst
Begleite ich dich.

Zwischen den Bauten brückt sie
Deren keiner uns bergen kann.
Über den Fluss hin führt sie
hält uns im Übergang.

Noch Bank und Bücher stehn uns auf der Brücke
wo die Liebe ruht und wir schauen.
Und alles Handwerkszeug noch auf der Brücke
um neue und kühnre zu bauen.

Sooft du über der Brücke stehst –
viel Brücke ist nie gegangen
und niemals angefangen
wenn du über die Brücke gehst.

(1967)

 

 

 

FERIENNACHT

Schließe mir doch
die feiner fühlende Hand
wieder zur Faust
dass nicht die Blüte dem Mondlicht
geöffnet bleibt.
Vollmondnacht wehe
die nicht den Schaffenden
sondern den Kostenden weckt.
Gleißender Kälte und Leere drohn.
Weit ist der Freund
hinter Faustwerk
Mauern und Schloss
da du ihn tiefer suchst
wenn du ruhst
und du tiefer verzweifelst.

Und Heiliger Du unsagbar
nah oder fern.

(1970)

 

 

 

WÄHLEN WIR

Gemeinsam

in den Geheimnissen stehn

oder vertrocknen

oder zerbrechen.

Wählen wir

als Erwählte

uns nicht zu schonen.

Denn die Geheimnisse schonen uns nicht. 

(1971)

 

 

 

SCHÖPFUNGSWORTE

Ich hab es von dir empfangen
du von mir wie du sagst.
Wir schöpfen unsre Geschenke
aus Meeren
die im Schöpfungswort
sich vom Trockenen scheiden. 

(1972)

 

 

 

SPRACHLOS

Den zehnten Brief
beginn ich dir heute.
Ob er wieder zerreißt
bestenfalls eingeht
ins Bruchtagebuch
der Monologe?
Wer schenkt mir die Sprache wieder
den Worten Flügel
und Zwischenraum
aus Vertrauen?

(1972)

 

 

 

WIE ABER?

Auf Züge warten
wie aber wissen
welcher wohin?

Worte formen
wie aber hören
zu welchem Sinn?

Freunde aufsuchen
wie aber wen fragen
wer ich dir bin?

(1972)

 

 

 

ÜBERRASCHUNG

Du warst da
auf Anruf hin.
Nichts ist weniger selbstverständlich
außer dass du
mir zuvorkamst.

Auf dich warte ich
wie aufs Frühstück
das morgendlich ohne Ermüdung stärkt.
Verlässlich überrascht es
mit neuem Tag.

Dein Blick wäscht Wolken
die abschiedsgeweckten
zu rein vergangnen.
Und Zukunft gewinnt
unsere Gegenwart.

(1976)

 

 

 

BRIEFE

Deine Briefe zur Süße kauen

wie das Abendmahlsbrot

wie wir miteinander aßen

und unser Atem ein Geist war.

Unausgeschöpft liegen die Tage
versunkene Schiffe auf ihrer ersten Fahrt
die Blicke die Augenblicke
auf nie ergründetem Grund.

Trauer der Zeit.
Kein Warten erlöst.
Wie du aber danke schreibst
fass ich Hoffnung
und lasse Ewigkeit ein
die Fülle kauend:
Stoffwechsel mit der Natur
kommender Worte –
und danke.

(1977)

 

 

 

GLÜCK DER VERSÖHNUNG

Die Ferne erlaubt
das Glück der Versöhnung
lange zu kosten.
Einmütig fort
spricht das Schweigen.
Einverständnis heißt
das wortlose
Geheimnis Welt
in das wir horchen
aus dem wir sprechen
gerade genug
um nicht darin unterzugehen
am Ende
auf offener See
nach geglückter Rettung. 

(1977)

 

 

 

NACHTWACHE

Mitternachts wach ich
suche ein Wort für dich
von vielen die
unter die Räder gefallen.

Dich finden
unter endlich gefundenem Dach.
Wir werden dort atmen
und Worte sammeln und
vorläufig wie die Hoffnung
sie wie alles vertiefen.

(1977)

 

 

 

WOHNUNGSSUCHE

Du hast Wohnung in mir genommen
sagst du.
Aber du tust es.
So besessen irre ich
ruhelos in Exilen.
Wo den Kopf hinlegen
wenigstens zum Vergessen?

Du sprichst betest denkst aus mir
schreibst du.
Und besetzt meine Gedanken.
Aber das Schweigen
das Meer – wie
ihm ein Stück Land abgewinnen
und darauf bauen?

(1978)

 

 

 

MANCHMAL AUFERSTEHUNG

Manchmal gelingt ein Wort
das über springt
aus Schicksalsfunken von beiden.
Der Stromkreis schließt sich
zu sterbloser Einheit.
Nähe der Geschiedenen
Unterschied der keiner ist
Unerschied der allein ist
zwischen dir und mir.
Manchmal feiern wir ihn
und Auferstehung
des Ungesagten
aus Ferne aus unseren Tiefen
und allerhand Schicksal. 

(1978)

 

 

 

MENSCHEN WIE DU

Nicht ins Leere stieren
sondern auf Schönheit
wie du sie mir wieder zeigst.
Die Plätze bei Licht besehen
und Ecce homo:
Seht da der Mensch
wie du.

Die zweibeinigen Herdentierschemen
beleben sich
je einzeln
unsterblich sterbend.
Wir morden sie vorweg
augenlos millionenfach.
Mangel an Liebe
an Denken.

(1978)

 

 

 

DA IST SIE WIEDER

Auf dem Bahnhof ins Weite
wird eine Gestalt
sekundenlang
zur Gestalt der deinen.
Ein Blitz
zwischen Innen und Außen.
Da ist die Liebe wieder
steigt ungefragt
aus der Verbannung
mit in den Zug.
Guter böser Engel
da ist er wieder
und sinnschwer
dein Lächeln vor mir.

(1979)

 

 

 

ANGST VOR GLÜCK

Deine Angst damals
als ich dir nahe kam
erstmals wie wir ersehnten
Angst vor dem Untergehen
der alten Welt
ins fragile Glück einfachhin.
Angst vor Glück
wenn die Würfel zu
ihm schon gefallen
- bin ich ein falscher Spieler? –
vor der entscheidenden Überfahrt
wie wir vielleicht nur noch eine
erleben erleiden ersehnen.

(1985)

 

 

 

GLÜCKWÜNSCHE

Was ich dir wünsche?

Mich

dich wünschend

alle Tage.

Da nimm es

zum Werden

alle Tage –

das unfertige Gedicht ... 

(1985)

 

 

 

WENN DU NICHT WÄRST

Wenn du nicht wärst
stünden die Sterne still
jedenfalls meine guten.

Wenn du nicht wärst
bliebe die Stadt chaotisch
ein Trümmer- und Ameisenfeld
bliebe mein Chaosohne ordnenden Ruf
wüsste ich immer noch nicht
was mit der Liebe ist
ob Wahn oder wirklich.

Wenn du nicht wärst
würde ich manche Schmerzen nicht kennen
meine teuren Lebenslehrer und
nicht die mir zukommenden Ängste.

Wenn du nicht wärst
würde ich mich nur kennen
und dieses schlecht
dieses ewige Ich und Ich.

Wenn du nicht wärst
wüsste ich von Verantwortung
eigentlich nichts
und alles Heilige wäre mir
eigentlich nichts.

Wenn du nicht wärst –
es wäre irgendein anderer
irgendeine andere nur da.

(1987)

 

 

 

BEIM WORT NEHMEN

Beim Wort nehmen willst du mich.
Ist das sicherer als die Hand
Zärtlicher als die Schulter
Lustvoller als ein anderes Körperglied?

Es kommt darauf an
auf das Wort.
Nicht zu allen stehe ich gleich
nicht alle halten gleich fest
zu mir.

Manchmal ist da ein Wort
woran du mich halten sollst
selbst wenn ich über Abgründen baumle
oder wegfliegen will.
Ich nehm dich beim Wort. 

(1989)

 

 

 

WUNDER

Nicht müde werden,
sondern dem Wunder leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
(Hilde Domin)

Schon müde geworden
blieb meine Hand immer noch
eine Herzensantennehoffnungslos ausgestreckt
nach dem Wunder

Da kommt es nieder
es nimmt kein Ende
Hände und Herz voll
gibst du mir zu tun
mich wach zu wundern
den Rest
eines neuen Lebens

(1990)

 

 

 

ERWARTEN

Da sitz ich am Telefon
ob der Blitz durchschlägt
im mein Sorgenleben
ob er die Drohgewölke teilt
raumschaffend einer Sonne

sich zu spiegeln
im See der heiteren Seelen
worauf unsere Kähne sich stoßen
bis wir zusammensitzen
in einem einzigen Boot. 

(1991)

 

 

 

MEINER MYSTIKSCHWANGEREN

Wenn du plötzlich innehältst
um das grüne Glück leuchten zu sehen
mitten in der neuen Landschaft
vom Allerheiligenseelentag
oder um die geheime Kraft meiner Haut
mit deinem Augenleuchten zu künden
dann staune ich entwortet zurück
meine werdende Mystikerin.

Freudig bringt dir sein Opfer
mein mitten in Stolzesruinen
kämpfender Intellekt
sein sacrificium intellectus
wie er vermeint.
Noch ängstigt er sich
vor dem vermeintlich
einfachen Glück. 

(1992)

 

 

 

MUTTERS ZEICHEN

Entschlafene Mutter

es geht etwas von dir aus

von deinem entfesselten Blick.

Löse auch meinen Augen die Fesseln

meiner vielwissenden Ungeduld

und dies sei dein Zeichen:

Gib meinem Heimweh

die Richtung

und sei es die meiner Tränen.

So traf ich sie.

(1992)

 

 

 

ALLES VORBEI
(Reime ins Poesiealbum))

Wie du denkst es ist alles vorbei
kommt manchmal leise das Neue herbei.
Und das Vorbeisein geht vorbei.

Manche Fragegestalt kommt herbei
wie zum Nachmittagskaffee ganz nebenbei.
Die Meisten gehen bald wieder vorbei.

Die Wenigen aber kommen stets neu
gerad weil du meinst jetzt ist alles vorbei
bleiben sie leichthin dabei.

Mit einem allein wirst du am Ende –
vom Vorbeisein ganz frei.
Deine Schicksalsliebelei Johei.

(2003)