Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Integrale Philosophie

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Literarisches / 1. Öfters tritt dein Spiegelbild vor dic

STURZ DER SCHWALBE

Wer sucht, der geht leicht selber verloren.
Alle Vereinsamung ist Schuld: also spricht die Herde.
(Friedrich Nietzsche)

Sonst kühltest du die weiße Brust im Übermut.
Und nun von Eisflut nahen Winters
klebt dein Gefieder dir am zitternden Balg
fällst als ein Stein zum Steingrund.
Du fasst nicht mehr die tragendumgebende
Luft die dich einst über Meere trug.

Verloren hast du Verlorener sie
die mit dir zogen.
Manchesmal wieder rauscht es über dich weg.
Deine heiseren Schreie verhallen
wecken Hohn: ist das einer der Unsern?
Schwäche erscheint wohin dich Wagemut trieb
und – ist dein Krächzen noch Schwalbenruf
Kraft zu Ferne und Höhenlust?

So schweig und leide die Nacht.
Über dem Meer wird die Sonne erscheinen
gerade über dir stille stehn
und sich über dich beugen wird sie.
Du wirst die letzte Nässe
aus deinen Schwingen schleudern
und dich zu ihr heben
hoch frei und all-einig.

Da löst du die Stimme –
dein Dank tönt als hellkündender Pfiff.
Ihm noch voraus eilt deine gesammelte Sonnenkraft.
Mehr als du selbst wirst du sein im Heimriss:
weisender Pfeil und wissender Bote.

                                      (1966)

 

 

 

VERBORGENER TAG

Überhaupt heute
wusste ich nicht
war mir warm oder kalt.
Niemand hat mich gesehen
am wenigsten ich.

Einer alten Einsicht zu folgen
bin ich
im Anerkennen und Anerkanntsein
und erkenne es an derweil
ich bin
am verborgenen Tag.

                     (1968)

 

 

 

MUSS AHNUNG SEIN

Darum bin ich allein
die Ungeduld kommt daher
wollen bersten die Knospen
mitten im Ringen nach Licht
wenn die Gestrüppe und Schatten
noch übermächtiger werden
und dass ich bei Kenntnis der Menschen
nicht müde bin
ihre Ehre zu suchen -
muss Ahnung sein
vom großen einigen Anerkennen
Austausch und Strömen
und wechselnde Ruhe.

                  (1970)

 

 

 

BIS ZUM GERICHT

Müsst ich nicht sagen
ich habe Recht
weil ich Ich bin
wie alle Ihr –
in urgeteilter Einsicht
oft oder immer
mit meinem Urteil
wäre mir wohler.

Getragen sein will
mein Ur-Teil und Ich
durch Recht oder Unrecht
mit Freund aber oder Feind –
Richtung bis zum Gericht
dem ersten und letzten
dem einzigen Erkennen
wie ich erkannt bin.

            (1970)

 

 

 

LOSE BLÄTTER

Lose Blätter -
unregelmäßiger wurde das Tagebuch
in den Jahren.
Denn nur manchmal ist Ernte
wie im Vorübergehn
und oft erst um Mitternacht
unter späten Sommergewittern:
schlaftrunkener Erntedank
für alles Mühengesäte.

Unregelmäßig gewinnt Gestalt
ein fast schon geträumter Seufzer
und Klage und gleichfalls unsäglicher Freude
wortlos verblieben bei Tageslicht
und unterirdisch gereift
un-scheinbar im Tieferen als der Tag.

Unregelmäßig
füllt sich ein loses Blatt
mit Hoffnung
in Worten gekeltert.

                                 (1970)

 

 

SPRACHE SPRICHT MIR

Liebe ich nichts als Liebe
und lebe aus Leben
Sprache spricht mir
dass ich sie spreche
Einheit eint mich
allen die einzeln wie ich
wenn ich schweige
und ende und
weiter suche
weil ich gefunden.

          (1970)

 

 

IMMER NOCH

Um der Erinnerung willen
geh ich die alten Wege.
Ruft alles zu leise
dem wissenden Rückblick
höre ich lauter fragen:
fasst du es heute besser
als ein anderer jetzt?

Oder noch immer
selbst Wegsein und Aufbruch
durch die Zeiten ängstende Burg
unter wechselndem Himmel
währendes Fragen Hoffen
immer noch etwas Mut
und deine alte Liebe?

Immer noch
nur mehr Wunden
wie viel mehr Dank.

                  (1970)

 

 

SPIEGELBILD

Öfters tritt dein Spiegelbild
vor dich in Frage
ob dies dein Gesicht
seiner Gesichte fähig.

Bergseespiegelfläche erscheint
glänzt so ruhig
wie tief der Abgrund
das Leben in Höhlen reicht.

Klarer sieht sich die Taglichtwelt:
Steinberge – Baumwerk – Wolken
in Umriss und Schattenspiel
dichter versammelte Frage

über der Tiefe in Bildern.

                   (1971)

 

 

 

GEHEIMNISTRÄGER

Geheimnisträger sind wir.
Unsere Wunden machen es
offenbar.
Schlössen sie sich –
unsichtbar
würde das kostbare
Eine Blut aller.
Einzeln bewegen es unsere Herzen
einzeln bewegt.
Was unter trennenden Oberflächen
hautnah pulsiert
verraten
die offenen Wunden

                      (1972)

 

 

 

WENN DU HORCHST

Das geliebte Gesicht
die geweckten Schmerzen
lieber und wacher.
Was ist der Mensch?

Du und
viele Sorgengesichter
Lächeln Angstrasen
Trugbilder ein Hauch Glück
Vergessen im Weitergehn
und erinnernd Stehn.

Und unsichtbar
hört Es
wenn du horchst
zwischen die Klagen
und spricht manchmal
wenn du horchst:
Weisung zum Weitergehn.

                   (1973)

 

 

 

ALTER REIM

Worte verklungen
die Lieder
Fragen werden laut
dieses Immerwieder -
noch nichts fest gebaut.

Zweifel erwachen
das Wissen
wirkt noch interessant
was wir wählen müssen
dagegen bleibt unbekannt.

Neue Straßen die Fernen
rücken zwischen uns ein –
willst Neues sagen lernen
und – findest zum alten Reim.

               (1974)

 

 

 

SCHWERE NACHT

Am Morgen danach
bleiben Spuren.
Wirbelsturm raste im Wald
Gedankenmassen ungebändigt
aus Sehnen in Angst.
Nichtweiterwissen und –wollen
vergebliches Rufen
gegen paarweise Missverständnisse
die in Übermut Junge zeugen
derweil du allein liegst.
Hirnzerfall
unwiederbringliches Roden.
Aus der Ohnmacht
deiner Gebete erwacht
aus dem Erlösungsschlaf
wieder allein
hältst du mühsam
den Sturm
an der Morgensonne gefesselt.

                      (1977)

 

 

 

JAHRESWENDE

Ein Jahr überstanden
jetzt gilt es zu siegen

Ein Jahrzehnt gebaut
jetzt gilt's zu gestalten

Eine Lebenshälfte gesucht
jetzt wäre zu leben

Einen Wohlstand Notstand gesammelt
Jetzt wäre zu teilen

Und zwischendurch finden
ein Ja
vielleicht deines?

                         (1980)

 

 

 

MEIN KLAVIER

Mein Klavier wie Gedanken
schwarz-weiß und samtener Klang
fünfhundert Jahre Neuzeitgeschichte darin
ständige Reformation kopernikanisch
des Objekts vom Subjekt her
Europa in Japanholz - Yamahaklang

Meine Kindheit darin
wie ich auf dem Küchentisch spielte
der Junge braucht ein Klavier
erste Tastenberührung
zwischen den Ladenzeiten
Aufklingen Dämpfung Dämpfung

Die Jugend das Spielen verspielt
unter spanischen Stiefeln
Harmoniumsverschüchterung bei Choralharmonien -
sie kriegten am Ende die Lieder nicht nieder
schwarz-weißer Stimmklang rieselte doch
in die spätscholastische Steppe


Erst spät zum Eignen gekommen
mit der Freiheit des Christenmenschen
romantische Qual und Selbstinnigkeit
Schubert-Schumann für Solostimme
"Dort wo du nicht bist
dort ist das Glück"
mit Beethovens Schöpferpochen darin
Same zu neuer Zeugung
und Aufbegehren gegen die Throne

Den Freiheitsklang üben
der golden schimmert
zwischen Schwarz und Weiß
einmal gemeinsame Freiheit-wozu
wenn du vergessen spielst
und ich schütte mein Lied
verdichteten Freudfeueratem
in deinen Klangraum
maßlos über die Maßen

                        (1980)

 

 

 

WAS BLEIBT

Zu Martin wird der Balkon geräumt
von Blumen und ihresgleichen.
Einen Sommer lang bot er mir
das Ungewohnteste: Heimat.
Ein zweiter bleibt ungewiss.
Es bleibt die Drachenfelsmajestät
belaubt oder unbelaubt.
Verwandter bleibt mir der Strom
sich gleich ohne Bleibe.
Kann sein er rät
zu anderen Ufern
beständig
zur Freiheit des Aufbruchs.
Die Stelle des Übergangs
ins neue Jahrtausend
bleibt auch
noch zu finden.

                    (1981)

 

 

 

WENN ICH NICHT WEITER WEISS

Als er über die Straße lief
kostete es ihn
das Leben.
So ist das Leben.

Weil du in den Zug einstiegst
trafst du
mich.
So ist die Liebe.

Wenn ich nicht weiter weiß
schreibe ich
weiter.
So sind Gedichte.

                   (1986)

 

 

 

ERLEUCHTUNG

Von Tag zu Tag hoffen.
Aber die Sprache
bleibt aus.
Alles schon bejammert
alles verjubelt.
Ich fing das Saufen an
von Atemluft.
Prana strömt unbegrenzt
unendlicher Kraftfluss
wozu auch immer.
Erretten könnte allein
aus dem hoffenden Elend
aus der stockenden Sprache
Erleuchtung.

            (1987)

 

 

 

NEUE ÜBUNGEN

Atmen üben tief
ohne Seufzen

Singen üben frei
ohne besondere Widmung

Sammlung üben
ohne bestimmteres Träumen

Hoffen üben frisch
ohne das alte Gedächtnis

Reisen üben so
als wüsste ich nun das Ziel

Sprechen üben und Schreiben
als ob ich die Sprache noch könnte

Üben nur manchmal zu denken
an dich

Fremdsein üben
als wäre das eigentlich alles.

                    (1987)

 

 

 

GEZOGENER ZAHN

Ein Weisheitszahn wurde gezogen.
Es war nicht der letzte.
Noch bin ich unterwegs
Richtung Weisheit.
Gezogen wurde der Zahn
eines großen Vertrauens.
Womöglich wahlentscheidend.

  (2006)