Grundzüge
der Philosophie von Johannes Heinrichs
Johannes Heinrichs
ist ein originärer Philosoph, kein bloßer Philosophiehistoriker,
was heute keine Selbstverständlichkeit und sogar eher die Ausnahme
ist. Nach einer akademischen Ausbildung bei den Jesuiten sowie an mehreren
deutschen Universitäten und in Paris (siehe sein Curriculum Vitae)
widmete er sich zunächst dem Denken Thomas von Aquins und Hegels
und schrieb den ersten durchgängigen Kommentar zu Hegels „Phänomenologie
des Geistes“, der heute zu den Klassikern der philosophischen
Exegese zählt. Heinrichs fand jedoch in der noch weitgehend historistischen
Interpretation keine Befriedigung. Auf den Schultern der klassischen
deutschen Philosophen (besonders Kants, Fichtes und Hegels) stehend,
dachte er deren Grundanliegen und Denkmethoden weiter, und entwickelte
ein eigenes systematisches Denkmodell unter dem übergreifenden
Markenzeichen einer ganz neuartigen „Reflexionstheorie“.
Einen weiteren wichtigen Anstoß zur konsequent reflexionstheoretischen
Sichtweise verdankt er dem Hegelianer und Logiker Gotthard Günther,
1900-1984, den er noch persönlich kennengelernt hat.
Heinrichs betrachtet
Philosophie als fortschreitende Selbstentfaltung der methodischen Reflexion.
Diese bedeutet ihm Form und zugleich Inhalt des philosophischen Denkens.
Als Form ist sie nachträgliche theoretische Reflexion (Nachdenken),
als Inhalt bedeutet sie gelebte Selbstbezüglichkeit (gelebte Reflexion).
Sie äußert sich schon im lebendigen Organismus, vollends
aber in menschlichen Selbstbewusstsein mit allen seelischen Vermögen
sowie in der gesamten Handlungswirklichkeit. Sie ist letztlich das,
woraus Gesellschaft und Kultur überhaupt entsteht. Die theoretische
Reflexion hat die Aufgabe, die gelebte Reflexion, kurz das Leben selbst,
zu rekonstruieren. Dieses Grundverständnis von Philosophie verbindet
ihn am meisten mit Hegel, will aber dessen Negativitätsdialektik
in eine nicht minder systematische Dialogik überführen.
Eine biographisch
wesentliche Erkenntnis bildete für Johannes Heinrichs die Möglichkeit
der Überbrückung von klassischer deutscher Philosophie und
dialogischem Sprachdenken: Beide Strömungen sind Relationsdenken.
Die Ich-Es-Relation (Dialektik) lässt sich mit der Ich-Du-Relation
(Dialogik) zusammen denken. Schon in den ersten Aufsätzen unter
dem Titel „transzendentale Dialogik“ (1970) stellte er diese
Synthese als notwendige Aufgabe der Philosophie dar. Die gründliche
Analyse der „Logik der ‚Phänomenologie des Geistes‘“(1974)
galt eigentlich noch der Konfrontation von Dialektik und Dialogik. Nachdem
Heinrichs 1975 jedoch das dialogische Verhältnis zwischen Menschen
als ein Reflexionsverhältnis mit einer begrenzten Folge von 4 Stufen
erkannt hatte (die grundlegendste seiner Entdeckungen), entwickelte
sich aus der transzendentalen Dialogik die Reflexions-Systemtheorie
des Sozialen, also eine umfassende Sozialtheorie. Diese findet ihre
erste Ausarbeitung in seinen Frankfurter Vorlesungen von 1975 sowie
in dem Buch „Reflexion als soziales System“ (1976). Später
gipfelt sie in dem von vielen als epochal angesehenen Werk „Revolution
der Demokratie“ (2003). Dieses bedeutende Werk bietet eine umfassende
Demokratie- und Staatstheorie, die sowohl in theoretischer Hinsicht
wie in ihren konkreten, praktischen Konsequenzen Ihresgleichen sucht.
Heinrichs unterscheidet
jedoch diese kollektiv-soziale Perspektive (mit Luhmann „Systemreferenz“
genannt) streng von der individuellen Perspektive des einzelnen Handelnden.
Mit der Einsicht, dass dabei „Handeln“ in dem weiten Sinne
von „Sinnvollzügen“ zu bedenken und zu rekonstruieren
ist, wurde Heinrichs zum Begründer einer philosophischen Semiotik
als Sinnprozesslehre. Während normalerweise „Semiotik“
als einzelwissenschaftliche Disziplin(gruppe) der Beschäftigung
mit Zeichen verstanden wird, fragt die philosophische Semiotik nach
Heinrichs nach dem Ort von Zeichen in menschlichen Sinnvollzügen
überhaupt und analysiert diese insgesamt als Zeichenprozesse. Die
Vierheit der Reflexionsstufen im sozialen Verhältnis findet hier
nun eine analoge Ausprägung in vier semiotischen Ebenen, die aufeinander
aufbauen: Handlung, Sprache, Kunst, Mystik. Diesen vier großen
semiotischen Ebenen oder Dimensionen gelten sämtliche schon veröffentlichten
Bücher zur Handlungs- und Sprachtheorie sowie die – aus widrigen
biographischen Umständen – bisher erst in Aufsatzform erschienenen
Schriften zur Kunst- und Mystiktheorie.
In seiner in Kürze
neu editierten philosophischen Sprachtheorie etwa geht es um nichts
Geringeres als darum, den Graben zwischen Philosophie und empirischer
Sprachwissenschaft/Philologie, der sich seit dem 19. Jahrhundert ständig
vertieft hat, auf höherem Reflexionsniveau zu überbrücken.
Das reflexionstheoretische Grundprinzip „Integration durch Differenzierung“
gilt nicht zuletzt im Hinblick auf das Verhältnis Einzelwissenschaften
(Empirie) und integrierender Grundlagenwissenschaft der Geisteswissenschaft,
der Philosophie. Für diese Überbrückung liefert Heinrichs
Proben sowohl in seiner philosophisch argumentierenden, doch genauso
soziologisch gehaltvollen Sozial- und Handlungstheorie wie etwa in der
großen Hölderlin-Studie: „Revolution aus Geist und
Liebe. Hölderlins ‚Hyperion‘ durchgehend kommentiert“
(2007).
Heinrichs’
integrale Philosophie trägt streng rational und systematisch begründete
spirituelle Züge, ohne Abhängigkeit von einer Theologie. Der
„Alles-Gedanke“ ist ihm dabei nicht nur konstituierender
Bestandteil der gelebten Reflexion, die den Bezug zum Göttlichen
bereits in ihren Handlungsvollzügen immer voraussetzt (vergleichbar
dem „Apriori der Kommunikationsgemeinschaft“ bei K.-O. Apel),
sondern dient ihm außerdem als Ausgangspunkt einer spirituellen
Philosophie. Aufgrund dieser weist Heinrichs die oft unterstellte Alternative
von konfessioneller Religiosität und Atheismus/Agnostizismus entschieden
zurück. Wesentlich ist ihm dabei die Unterscheidung von Religion
als historischer „Sprache“ einer Letztwerte-Gemeinschaft
im Unterschied zur spirituell-mystischen Erfahrung der Einzelnen, die
heute eine „transreligiöse“, weltweite Gemeinschaft
ganz infomeller und überkonfessioneller Art bilden.
Zur Biographie sei
vorweg bemerkt: Um der Freiheit des (spirituellen) Denkens hat Heinrichs
die kirchlichen Gefilde verlassen und die Vorteile der Zugehörigkeit
zum Jesuitenorden aufgegeben. An den deutschen Universitäten musste
er nach seinem Ordensaustritt die Folgen des Konkordatswesens (Rechte
der Kirchen auf Lehrstuhlbesetzungen an den theologischen, und auch
an den philosophischen Fakultäten) erfahren. Dieses Konkordatswesen
sowie die kompromisslose Ablehnung der Zugehörigkeit zu Parteien
und „Seilschaften“, d. h. ein nicht sachlich begründetes
akademisches Patronatswesen, führt zu der bizarren Erscheinung,
dass einer der produktivsten und schöpferischsten Denker der Gegenwart
nur jeweils gastweise Professuren wahrnehmen konnte und sich etwa zehn
Jahre lang als Ghostwriter verdingen musste.
Wie das Beispiel
zeigt, vermögen wirklich kreative Köpfe sich sogar ohne institutionellen
Unterbau auf Dauer durchzusetzen. Ungebrochen durch ein Jahrzehnte währendes
informelles „Berufsverbot“, publiziert Johannes Heinrichs
inzwischen wieder als freier philosophischer Schriftsteller mit unverminderter
Kraft weiter. Betreut und unterstützt wird er dabei vom international
tätigen Steno Verlag. Daneben hält er Vorträge in ganz
Deutschland und im Ausland.
Die politische Realisierung
seiner „Viergliederung der Demokratie“ hat er allerdings
– stärker als in den ersten Jahren nach Erscheinen des großen
Demokratiebuches - der Eigeninitiative derer überantwortet, die
sein Konzept in seiner anthropologischen Tiefe und seiner evolutionären
Notwendigkeit verstanden haben sollten. (Siehe www.netz-vier.de)